22 Ueber das räumliche Sehen. Von Dr. E. Storch. (Mit 6 Fig.) Wenn ich mich in meinem Zimmer umsehe, in welchem mir jeder Gegenstand bekannt ist, so nehme ich lauter körper¬ liche Dinge wahr. Die Platte des Tisches erscheint mir als ein Rechteck, an dessen vier Ecken die Beine rechtwinklig einge- pflanzt sind, die Ecken des Zimmers werden von drei recht¬ winklig aufeinanderstofsenden Ebenen gebildet, kurz alles was ich sehe, erscheint eine ganz bestimmte räumliche Form und Gröfse zu besitzen, dieselbe Form und Gröfse, welche ich auch durch Tasten wahrnehmen kann. Schliefse ich nunmehr ein Auge, so bemerke ich, dafs in dem Bilde eine schwer zu beschreibende Veränderung statt¬ gefunden hat, deren Wesen festzustellen der naiven Beobachtung kaum gelingen dürfte. Läfst man von Kindern oder auch von unbefangenen Erwachsenen diesen Versuch ausführen, so wird man auf die Frage, ob sie mit einem Auge anders sähen als mit beiden, in der Regel eine verneinende Antwort erhalten. Ich selbst bemerke bei einseitigem Augenschlufs sofort, wie alle Entfernungen in der Tiefenausmessung des Raumes zusammen¬ schrumpfen, dafs die Dinge gewissermaafsen auf dem Hinter¬ gründe zu kleben scheinen. Immerhin ist auch für mich, der ich gewöhnt hin, auf diese Verhältnisse zu achten, der Eindruck der Dinge zwingend körperlich, körperlicher als ihn ein Gemälde aus bester Künstlerhand erzeugt. Erst das Experiment vermag uns über das Wesen des nur unklar empfundenen Unterschiedes zwischen ein- und zwei¬ äugiger Sehwahrnehmung aufzuklären.