1 Die entwickelungsgeschichtliche Betrachtungsweise in der Aesthetik. Von Johannes Volkelt. 1. Neben dem Rufe nach einer normenlosen, rein be¬ schreibenden Aesthetik wird gegenwärtig auch das Verlangen nach einer entwickelungsgeschichtlichen Grundlegung dieser Wissenschaft von verschiedenen Seiten laut. Besonders ent¬ schieden hat diese Forderung Konead Lange in seiner Abhand¬ lung „Gedanken zu einer Aesthetik auf entwickelungsgeschicht¬ licher Grundlage“1 gestellt. In seinem grofsen Werke hat er dann in genauerer und vorsichtigerer Weise dargelegt, in welchem Sinn er die vorgeschichtliche und geschichtliche, die menschheitliche und die individuelle Entwickelung der ästheti¬ schen Gefühle in der Aesthetik behandelt zu sehen wünscht.2 Von den zahlreichen sonstigen Versuchen, ästhetischen Fragen mit entwickelungsgeschichtlicher Methode beizukommen, nenne ich hier nur Kael Büchee’s hervorragende Schrift „Arbeit und Rhythmus“,3 Er sucht die Entstehung der Tonkunst und Dichtung dadurch aufzuhellen, dafs er, unter Zugrundelegung einer erstaunlichen Fülle höchst lehrreicher Thatsachen aus der Völkerkunde, auf die Verknüpfung von rhythmischer Körper¬ bewegung, Gesang und Dichtung insbesondere bei den Natur¬ völkern eingeht. Schon angesichts solcher Bestrebungen ergiebt sich für die Aesthetik die Aufgabe, zu der entwickelungsgeschichtlichen Be¬ trachtungsweise Stellung zu nehmen. In welchem Sinne, in 1 In dieser Zeitschrift 14-, S. 242 ff. 2 Konead Lange, Das Wesen der Kunst. Berlin 1901. Bd. 1, S. 37ff. 3 Kael Büchee, Arbeit und Rhythmus. 3. AufL. Leipzig 1902. S. 342 ff.. Zeitschrift für Psychologie 29 1