392 Literaturbericht. Idee besteht nicht in begrifflicher Analyse des Wahrgenommenen; es be¬ steht auch im allgemeinen keine natürliche Tendenz zum Lernen durch Wahrnehmungen, noch weniger zu einer überlegten Nachahmung. Doch zeigt H. an zahlreichen Beispielen, dafs bei den höchsten Säugetieren, be¬ sonders bei den Affen, sowohl „praktische Ideen“ in einer weniger rohen Form als eine gewisse Originalität in der Anwendung derselben besteht, dafs man von „praktischem Urteil“ sprechen kann. Die sozialen Instinkte bei den höheren Tieren, ihr Leben in Herden, wobei sie sich gegenseitig helfen oder meiden, zeigen die ersten Spuren der Moralität, allerdings nicht in dem Sinne einer abstrakten Tugend sondern eines konkreten Vor¬ habens. Das Tier zeigt Sympathie, nicht weil Sympathie eine Tugend ist, sondern weil es Sympathie fühlt. Dabei handelt es sich aber auch nicht um eine ererbte oder angewöhnte Art der Reaktion auf einen bestimmten Reiz wie bei den niederen Tieren, sondern das Tier ist z. B. bestrebt, anderen oder einem Menschen aus der Bedrängnis zu helfen, indem es die Gefahr erkennt und die Mittel anwendet, dieselben zu beseitigen. Das Tier bildet sich kein allgemeines Urteil über die Lage, in der sich der Ge¬ fährdete befindet, noch hat es einen Begriff von den Gefühlen des Ge¬ fährdeten, sondern sein Vorhaben und seine Handlungen sind auf das Konkrete und Praktische gerichtet. „Seine Impulse werden in Begehren verwandelt durch das Bewufstsein seiner Absichten, und in Handlungen umgesetzt durch die aufgefafste Beziehung der Mittel zum Endzweck.“ Weiter reicht die tierische Intelligenz nicht. Die höheren Stadien entwickeln sich nur beim Menschen. Die Bildung von Begriffen, das begriffliche Denken und das Produkt desselben, Phan¬ tasie, Moral, Religion und Wissenschaft, die Systematisierung der Wissen¬ schaften, sie bilden den Höhepunkt der Entwicklung des Geistes, dem die ethische Entwicklung parallel geht. Beide Entwicklungen konvergieren nach einem und demselben Punkte : der Organisation des Lebens der Rasse durch die Kenntnis seiner Bedingungen. Die interessanten Einzelheiten dieser Entwicklung beim Menschen können, wie sie H. schildert, in dieser Besprechung, die schon zu lang geworden ist, nicht auseinandergesetzt werden, sondern in dieser Beziehung mufs auf das Original verwiesen werden, dessen Lektüre nur angelegentlich empfohlen werden kann. Hoppe (Königsberg). K. Makbe. Experimentell -psychologische Untersuchungen über das Urteil. Eine Einleitung in die Logik. Leipzig, Engelmann, 1901. 103 S. Mk. 2,80. Alle Urteile sind offenbar psychische Erlebnisse, aber nicht alle Er¬ lebnisse werden zu Urteilen. Was mufs zu einem psychischen Erlebnisse hinzukommen, damit sie zu Urteilen werden? Das ist die Frage, deren Beantwortung der Verf. in dieser Arbeit geben will. Unter Urteilen werden alle die Bewufstseinsvorgänge verstanden, auf welche die Prädikate: richtig oder falsch — eine sinngemäfse Anwendung finden. Daher können nicht nur ganze Sätze, sondern auch einzelne Worte, blofse Vorstellungen und Gebärden zu Urteilen werden. Verf. will obige Frage experimentell beantworten und bedient sich dabei folgender Methode: