386 Literaturb ericht. beobachtung. Von vier Geschwistern, zwei weiblichen und zwei männ¬ lichen, weisen Verf. und ihre Schwester, sowie die Tochter der letzteren das Phänomen auf. Es wurde von der Verf. schon in früher Kindheit vor dem Schulbesuche bemerkt. Die deutlichsten Farbenempfindungen treten beim Hören von Vokalen und Diphthongen auf, A = Grau, E = Schnee- weifs, I = Rot, 0 = Braun, U = Schwarz. Diese Farbe wird nach dem spezifischen Charakter einzelner Laute abgetönt, so dafs o im englischen colonel z. B. stumpf erscheint und die volltönenden Vokale des Italieni¬ schen „die üppigsten Farbenvorstellungen“ erwecken. Auch musikalische Töne sind von Farbenempfindungen begleitet, z. B. das hohe Cis der Violine stellt sich als schön purpurrot, die Töne der Flöte als mattblau dar. Den Farben der Töne, Geräusche und Vokale ist gemeinsam, dafs sie mit abnehmender Intensität der Laute verblassen und niemals grün aus- sehen. Die Farben werden nicht nach aufsen projiziert, sondern „in das Innere des Gehirns verlegt“. Als eine noch unbewiesene aber haltbare Erklärung wird die bereits von anderen Autoren angenommene Verbindung zwischen optischen und akustischen Zentren zitiert und eine bei günstiger Gelegenheit vorzu¬ nehmende anatomische Untersuchung angeregt. G. Abelsdokff. C. H. Riebeb. Tactual Illusions. Psychol. Rev., Mon. Sup. 4; Harvard Psychol. Studies 1, 47—99. 1903. Die Versuche des Verf. beziehen sich auf Vergleichung einer leeren und einer ausgefüllten Strecke. Der benutzte Apparat enthielt eine Reihe senkrechter Stäbchen, deren Höhe so geändert werden konnte, dafs sie alle gleichzeitig oder in beliebiger Aufeinanderfolge die Haut berührten. Ferner konnte das Gewicht jedes einzelnen Stäbchens verändert werden. Da der Ratur des Experiments nach die beiden Strecken verschiedenen Hautstellen dargeboten werden mufsten, so nahm Verf. nicht objektive Gleichheit der Strecken zum Mafsstab der Vergleichung, sondern subjektive Gleichheit: d. h. in die Versuche mit einer leeren und einer ausgefüliten Strecke wurden häufige Versuche mit zwei leeren Strecken eingestreut. Das erste Ergebnis war, dafs gröfsere ausgefüllte Strecken überschätzt werden, in Übereinstimmung mit der optischen Täuschung; dafs hin¬ gegen kleine ausgefüllte Strecken unterschätzt werden. Verf. schlofs, dafs für diese Unterschätzung ein besonderer Grund existieren müsse, den er nun zu ermitteln suchte. Er änderte das Gewicht der verschiedenen Stäbchen und fand, dafs die Strecke unterschätzt wurde, wenn der Druck in der Mitte gröfser war als an den Enden ; dafs die Strecke überschätzt wurde, wenn der Druck an den Endpunkten gröfser war. Die objektiven Bedingungen sind im letzteren Falle eher vergleichbar mit den Bedin¬ gungen in der optischen Täuschung. Je deutlicher die Berührungspunkte innerhalb der Strecke als besondere Punkte wahrgenommen werden, um so beträchtlicher ist die Überschätzung der Strecke. Wenn sie dagegen nicht deutlich als besondere Punkte wahrgenommen werden, so erfolgt Unterschätzung. Gesichts Vorstellungen scheinen hierbei keine wesentliche Rolle zu spielen, da die Täuschung gröfser war, wenn Gesichtsvorstellungen nach Möglichkeit ausgeschlossen wurden.