Literaturbericht. 371 reize von 3 cm überwiegend eine Umkehrung ihres Lageverhältnisses statt¬ findet. In den Versuchen über Vergleichung zweier Entfernungen tritt ein analoger Einflufs darin hervor, dafs von zwei gleichen Strecken, von denen die zweite in den Versuchen ohne Nebenreize meist als kleiner beurteilt wurde, die mit einem Nebenreiz an zwreiter Stelle gebotene immer häufiger als gröfser bezeichnet wird, je mehr die Entfernung des Nebenreizes vom Endpunkt derselben wächst. Diese Resultate geben Veranlassung zu der Vermutung, dafs man eine Täuschung bei Beurteilung von Hautstrecken demonstrieren könne, ähnlich der von Müller-Lyer angegebenen bekannten optischen Täuschung. Ver¬ suche mittels eines Modells der MüLLER-LYERschen Figur bestätigen diese Vermutung. Das Modell stellt die Strecke, an der die Täuschung beob¬ achtet werden soll, durch ein mit der schmalen Längsseite auf die Haut aufzusetzendes Messingblech, die Schenkel durch Zapfen dar, welche in vier um die Endpunkte jener Strecke drehbaren Armen in variabler Anzahl und in verschiedener Entfernung vom Scheitel des durch sie bezeichneten Winkels angebracht werden können. Nachdem eine Versuchsreihe, bei welcher die beiden Typen der MüLLER-LYERschen Figur miteinander ver¬ glichen wurden, bereits annähernde Resultate ergeben hat, werden ge¬ nauere Bestimmungen mittels einer geeigneteren Methode gewonnen. Es wird nämlich eine einfache (schenkellose) Linie von variabler Länge mit einer Form der Täuschungsfigur verglichen und nach der Methode der Minimaländerungen diejenige Gröfse jener Linie bestimmt, bei welcher Normalreiz (die Strecke der M.-L. Figur) und Vergleichsreiz gleich er¬ scheinen. Dabei zeigt sich, entsprechend der bekannten optischen Täuschung, eine Überschätzung des Normalreizes bei auswärts gekehrten Schenkeln der Täuschungsfigur, eine Unterschätzung im entgegengesetzten Fall. Die Überschätzung nimmt mit wachsender Gröfse des Normalreizes ab, die Unterschätzung nimmt unter gleichen Umständen, wenn auch nur in geringem Mafse, zu. Mit zunehmender Gröfse des von den Schenkeln gebildeten Winkels nimmt bei beiden Typen der M.-L. Figur die Täuschung ab. Mit der Zahl der die Schenkel bezeichnenden punktuellen Druckreize wächst die Täuschung wenigstens bei auswärts gekehrten Schenkeln. Das abweichende Verhalten bei einwärts gerichteten Schenkeln rührt möglicher¬ weise von störenden Nebeneinflüssen her. Mit der Länge der Schenkel endlich nimmt die Täuschung ebenfalls, wenn auch nicht proportional der Verlängerung, zu. Diese experimentellen Resultate stellen ein wertvolles Material dar, welches namentlich zur Beurteilung und zum Ausbau der Theorie der optischen Täuschungen herangezogen zu werden verdient. Der Verf. der vorliegenden Arbeit freilich sieht in ihnen nicht sowohl die Grundlage einer Theorie als vielmehr Erscheinungen, welche ihrerseits der theoreti¬ schen Ableitung bedürftig sind. Anstatt es als letzte Tatsache zu be¬ trachten, dafs die Apperzeption eines Eindrucks durch den Einflufs von Nebenreizen in bestimmter Richtung modifiziert wird, will er seine Resul¬ tate dadurch erklären, dafs er zwischen die Einwirkung des Reizes und die Lokalisation desselben, welche in den Urteilen „oben“, „unten“ 24*