228 Literaturberich t. scheidet; eine gewisse Befangenheit könnte man jedoch vielleicht darin finden, dafs Verf. der „psychologischen Analyse“ der Farbenempfindungen ein solches Gewicht beimifst, dafs daneben die Bedeutung physikalischer und physiologischer Gebiete verschwindet. Die subjektiven Eindrücke der Verf. mögen für sie selbst sehr überzeugend sein, für andere, z. B. den Referenten, reicht aber die Überzeugungskraft doch nicht aus, um die Fundamente der Dreifarbentheorie zu erschüttern. Die wesentlichsten Folgerungen der Verf. sind folgende: Es ist fest¬ zuhalten, dafs es, auf Grund der psychologischen Analyse der Farben¬ empfindungen, vier, nicht drei, Grundfarben gibt : rot, grün, gelb und blau. Die farblose Lichtempfindung hat nicht als Misch-, sondern als Grund¬ empfindung zu gelten. „Erkennt man dies als richtig an, so sind alle be¬ züglichen Sätze der Dreifarbentheorien von der Young - HELMHOLTzschen an zu verwerfen.“ Unzweifelhaft kann farblose Lichtempfindung, auch ohne dafs man farbige Reize mischt, erzielt werden. „Diese Tatsache macht die Lehre der Young-HELMHOLTzschen Theorie, welche „farblos“ als Mischung auffafst, auch physiologisch zu nichte.“ Eine Mischung von rotem und grünem Lichte erzeugt nicht farblose Lichtempfindung. „Dieses Faktum ist unvereinbar mit der HEuiNGSchen Theorie und allen ihren Modifikationen.“ Die anatomische Struktur und die Netzhautverteilung der Stäbchen spricht dafür, dafs diese Gebilde nur farblose Lichtempfindung auszulösen vermögen. Der Umstand, dafs Stäbchen und Zapfen ursprünglich völlig gleiche Gebilde sind, und dafs die Zapfen sich erst im Laufe der Entwicklung herausdifferenzieren, spricht mit gröfster Wahrscheinlichkeit dafür, dafs ein chemischer Prozefs, welcher sich in Stäbchen und Zapfen in derselben Weise abspielt, farblose Lichtempfindung erzeugt; er spricht ferner dafür, dafs verschiedenen Phasen oder Stadien dieses chemischen Prozesses in den Zapfen die Ursache für die Farbenempfindung abgeben. Die letzteren Annahmen bilden die wesentlichen Merkmale der Theorie der molekularen Dissoziationen von Mrs. Ladd - Franklin ; eine Farbentheorie von dieser Art scheint der Verf. „am besten mit den Beobachtungen und den Ergebnissen der physiologischen Forschung in Einklang zu stehen und die gröfste bio¬ logische Wahrscheinlichkeit zu besitzen.“ W. A. Nagel (Berlin). E. Wehrli. Über hochgradig herabgesetzten Farbensinn. Mitteil. d. Thurgauer Naturf. Gesellschaft (15). 1903. Verf. hat einen interessanten Fall hochgradiger Farbenschwäche bei einem jungen Postbeamten sorgfältig nach verschiedenen Methoden unter¬ sucht (Wollprobe, Stillings und des Ref. pseudoisochromatische Farben¬ tafeln, Kontrastversuche, Farbenkreisel). Das Farbensystem zeigt starke Annäherung an die Merkmale der Rotblinden (Protanopen) und zugleich auch der Blaublinden (Tritanopen), bei weniger genauer Prüfung hätte er als Totalfarbenblinder erscheinen können. Dämmerungssehen, Dunkel¬ adaptationsvermögen („Lichtsinn“) ist normal, und die Kennzeichen des Dämmerungssehens (starke Unterwertigkeit des Rot) treten anscheinend