Literaturbericht. 293 Dafür aber sucht er Anschlufs an eine Gesellschaft Gleichgesinnter. Der Fanatiker findet den Frieden in einem socialen Medium, wo dieselben Suggestionen in fortgesetzter Wiederholung ihn aufrecht erhalten, d. h. in einer gröfseren oder kleineren Gesellschaft, die absolut gleichförmig und beständig ist. Nach der Ansicht der Fanatiker erfüllt die Religion ihre psycho-sociale Pflicht auf dreifache Art, indem sie erstens die Glaubens¬ sätze, zweitens die Handlungen und die Führung, drittens die Gefühle und Dispositionen der Mitglieder der Gemeinschaft uniformirt. Das Streben nach Gleichförmigkeit offenbart sich in dem Kampfe gegen die Häresieen. Der Fanatiker führt selbst gegen die am allerwenigsten gefährlichen Meinungen Krieg und zwar nur deshalb, weil sie innerhalb seines Milieus Unterschiede herbeiführen. Er glaubt dabei als Werkzeug Gottes zu handeln. In summa wird die religiöse Idee bei ihm zu einer socialen Kraft, weil der Fanatiker das Bedürfnifs spürt, dem Medium angepafst zu bleiben, das seiner Ansicht nach von einer höheren Macht beschützt wird, und in dessen Mitte er Ruhe und Frieden findet. Eine der häufigsten Beobachtungen ist, dafs überall, wo der Einflufs der Religion verschwindet oder sich abschwächt, Zerfall eintritt. Umge¬ kehrt übt die religiöse Idee einen Druck aus auf die Glaubenssätze, Acte und Gefühle. Die Religionen begünstigen die mittelmäfsigen Menschen d. h. diejenigen, welche als Nachahmer Anderer die Urtheile und Gefühle seines Milieus absorbiren und auf diese Weise einen Repräsentanten der¬ selben darstellen. Der Fanatismus entwickelt sich bisweilen bei relativ gesunden und normalen Menschen, bei schwachen Geistern tritt er mit um so gröfserer Heftigkeit auf. Der Fanatiker zerstört Alles, was aufserhalb seines kirchlichen Ichs bleibt. Giessleb (Erfurt). H. Taine. De la volonté: Fragments inédits. Rev. philos. 50 (11), 441—480. 1900. Der Genufs einer rein psychologischen Arbeit d. h. rein psychologischer Analysen wird Einem in der Jetztzeit, wo die Psychologie auf möglichst viele angrenzende Gebiete sich zu verbreiten strebt, seltener geboten. Um so freudiger begrüfsen wir die Veröffentlichung der vorliegenden psycholo¬ gischen Fragmente aus dem Nachlasse des berühmten Gelehrten, wenn auch ihr Inhalt nicht so bedeutend ist wie der anderer Arbeiten Taine’s. Es sind eine Reihe von Einzeluntersuchungen. Die bezüglichen Themata des ersten Theiles fafst T. unter der Ueberschrift Conflit des tendances zusammen: 1. Vergleich von Empfindungen mit Empfindungen. Man kann Denkempfindungen (sensations cognitives) von impulsiven Empfin¬ dungen unterscheiden. An letztere ist alles Impulsive, vor allem Ver¬ gnügen und Schmerz gebunden. Das eigentliche Wesen des organischen Individuums ist im System der impulsiven Nerven concentrirt. Die Denk¬ nerven sind nicht die Repräsentanten des Organismus, sondern sie gehören zu der Function, durch welche äufsere Objecte zu Bildern werden. Die impulsiven Nerven dagegen repräsentiren den Organismus in seinen Be¬ ziehungen zum Bewufstsein. 2. Empfindungen verglichen mit Bildern und bstracten Ideeen. Die russischen Soldaten legten sich in den Schnee