128 Hugo Feilchenfeld. flufs der Erfahrung ausgeschaltet, und die beiden anderen Momente treten in ihrer Wirkungssphäre rein zu Tage. Die resultierende Täuschung ist überraschend: Bei vertikaler Kopf¬ haltung erscheint die Linie in ihrer wirklichen Lage, bei schulterwärts geneigter Kopfhaltung nimmt sie eine ent¬ gegengesetzte scheinbare Neigung an. Diese, von Aubeet 1 entdeckte, Täuschung hat Nagel jun.'2 A ub Barsches Phänomen genannt. Herrn Professor Nagel verdanke ich auch die Anregung, dieser Frage meinerseits näher zu treten. Ich bediente mich mit geringen Abänderungen der Versuchs¬ anordnung von Sachs und Meller3 4: Eine Siemens - Gl ühli nie ist in einen geschwärzten, im Kugelgelenk um ein Stativ dreh¬ baren, Metallzylinder eingelassen, dessen 20 cm langer, 2 mm breiter Lichtspalt mit durchscheinendem Orangepapier ver¬ deckt ist. Die Kopflage war durch ein, nur um die Sagittal- axe drehbares, Beifsbrettchen jedesmal fixiert, und ihr Winkel an einer Gradeinteilung abzulesen. Die Fragestellung — und es ist zweckmäfsig sie möglichst zu variieren — kann in doppeltem Sinne erfolgen: Wenn sich der Kopf um bestimmte Winkel neigt, um welchen Winkel er¬ scheint dann 1. eine feststehende Linie, z. B. eine Vertikale, ge¬ dreht; 2. um wieviel mufs ich eine Linie aus der Vertikalen Lerausdrehen, damit sie vertikal erscheint? Die Sicherheit, die wir in der Beurteilung der vertikalen Richtung besitzen, macht im zweiten Falle die Angaben bestimmter; doch kommt man bei einiger Übung im Winkelschätzen auch im ersten Falle zu brauchbaren Resultaten. Beide Untersuchungsreihen sowie die Einzelresultate jeder Untersuchungsreihe stehen in auffallender Korrespondenz zu einander ; aber neben dieser fast mathematischen Konstanz des Phänomens macht sich doch wieder etwas Schwankendes, Unsicheres bemerkbar, das von der Willkür unab¬ hängig ist, und über dessen Wesen wir uns zunächst keine Rechenschaft geben können. Während Aubeet, Mulder \ Nagel diese Inkonstanz als charakteristisch hervorheben, leugnet sie Sachs. Indem er die Expositionsdauer der Lichtlinie auf 1 Aubbrt: Virchoivs Archiv 20, S. 381. 2 Nagel: Zeitschr. f. Psychol, u. Physiol. 16, S. 373. 3 Sachs u. Meller: v. Gräfes Arch. f. Ophth. 52, 3, wofür ich der Ab¬ kürzung halber im folgenden Sachs sagen werde. 4 Mulder: Ponders Feestbundei.