47 \ Fortsetzung der ^Psychologischen Streitpunkte“. Von Theodor Lipps. IV. Zur Frage der geometrisch-optischen Täuschungen. Schon im 19. Bande dieser Zeitschrift hat Witasek vermeint¬ lich gezeigt, dafs jede Erklärung der geometrisch - optischen Täuschungen, in welcher diese auf Urteilstäuschungen zurück¬ geführt werden, dafs demnach auch meine Theorie der geo¬ metrisch-optischen Täuschungen prinzipiell unmöglich, ja gar nicht ausdenkbar sei. Aufserdem sei sie mit gewissen von ihm festgestellten Tatsachen schlechterdings unverträglich. Diese vermeintliche Widerlegung meiner Theorie hat dann Vittorio Benussi im 29. Bande dieser Zeitschrift durch Aufzeichnung weiterer Tatsachen vollendet. In Wahrheit habe ich beiden Forschern für die schlagende Bestätigung, die sie durch ihre sorgfältigen experimentellen Untersuchungen meiner Theorie haben ange¬ deihen lassen, dankbar zu sein. Witasek beginnt mit allgemeinen erkenntnistheoretischen Erwägungen. Sie ergeben das zweifellose Resultat, dafs meine Theorie nicht zu Witasek’s Begriffen pafst. Dies bedaure ich aufrichtig. Ich gehe aber hier nur auf Dasjenige ein, worum es sich in diesem Zusammenhänge eigentlich handelt. In gewissen Täuschungen scheint eine gerade Linie ge¬ krümmt oder geknickt. Die fraglichen Täuschungen sind, all¬ gemein gesagt, Täuschungen über die Form. Andere Täuschungen betreffen die Richtung. Was nun ist Form? Was ist Richtung? Was ist Geradheit? Was ist vertikale oder horizontale Lage? Offenbar ist volle Klarheit über diese und ähnliche Begriffe die erste Voraussetzung, wenn über die Natur der geometrisch¬ optischen Täuschungen ein Entscheid gefällt werden soll.