52 Max Dessoir. ohne die wesentlichen Momente seines Reizes einzubüfsen. In berühmten Domen sind nicht selten Modelle ansgestellt, die zum näheren Studium der Einzelheiten dienen. Der Betrachter emp¬ findet sofort, dafs z. B. der Kölner Dom ganz anders wirkt als sein Modell. Sobald man auf die Bedeutsamkeit solcher allbekannten Er¬ fahrungen aufmerksam geworden ist, bemerkt man auch, dafs das Raum Verhältnis eines Kunstwerkes zur Umgebung seinen ästhetischen Wert nicht nur aus der Beziehung, sondern auch aus der für sich betrachteten Eigengröfse erhält. Freilich erscheint eine Kirche zwischen grofsen Bauwerken nicht so stattlich wie zwischen niedrigen Häusern; aber auch bei den günstigsten Be¬ dingungen darf sie hinter einem gewissen Mafs nicht Zurück¬ bleiben, um imponierend zu wirken, und sie darf andererseits -— unbeschadet des Umgebungseinflusses — eine obere Grenze nicht überschreiten, damit sie als künstlerische Einheit apperzi- pierbar bleibt. Wenn ein Bild aus einem kleinen Wohnraum in einen Museumssaal versetzt wird, so kann dieser Wechsel der Umgebung (beispielsweise bei sehr grofsen Formaten) günstig ein wirken. Dennoch ist der objektive Raum verbrauch, der sich ja nicht geändert hat, die Grundlage für den Anteil des Quantums an der ästhetischen Wirkung. #» •• Ähnlich steht es mit einem Bedenken, das sich der Über¬ legung sehr bald auf drängt, nämlich dafs wir ja vielfach von der absoluten Gröfse des Kunstwerkes nichts wissen. Ich meine natürlich nicht, dafs uns die bestimmten Zahlenwerte unbekannt bleiben, sondern nur, dafs wir die Quantität des Ganzen und seiner Teile überhaupt nicht mit Bewufstsein auffassen. Selbst in diesen Fällen braucht sie nicht unwirksam zu sein, was schon daraus hervorgeht, dafs sie in der Erinnerung annähernd reprodu¬ ziert werden kann, obgleich sie bei der Wahrnehmung nicht be¬ achtet worden war. Wenn nun gar die Raumgröfse von den gewohnten Mittelwerten abweicht, übt sie eine deutlich zu spürende Wirkung aus. So ist bei Bildern ein allzu kleines Format der Vertiefung meistens .hinderlich, vor allem, wenn viele Bilder dieser Art nebeneinander hängen. Noch ehe wir das Bild selber betrachtet haben, erhalten wir durch das Format den Eindruck: es lohne nicht recht. Wir sehen eine ganze An¬ zahl vor uns und verlieren von vornherein den Mut. Dieses Vorurteil beeinflufst dann den Genufs, sei es im Sinne der Be-