50 Die ästhetische Bedeutung des absoluten Quantums. Von Max Dessoie. Schon vor etwa zwei Jahren habe ich mich in einem popu¬ lären Aufsatz „Das Format in der Kunst“ und später in einem Vortrag über die im vorstehenden Thema bezeichnete Frage ge- äufsert. Da Aufsatz wie Vortrag nicht genügend auf Einzel¬ heiten eingehen konnten, scheint mir eine erneute Behandlung an dieser Stelle angemessen zu sein. I. Wie alle Wirklichkeit, so ist auch die künstlerische ein un¬ definierbares Zusammen von qualitativen und quantitativen Be¬ stimmtheiten. Keine Eigenschaft an einem Kunstwerke entbehrt einer Gröfse oder Stärke, und diese wiederum sind unter allen Umständen an Qualitäten gebunden. Dennoch vermag die wissenschaftliche Abstraktion zu trennen, was tatsächlich für und mit einander da ist. Der Formalismus hat daher seit langer Zeit die Gröfse- und Stärkeverhältnisse innerhalb von Kunst¬ werken untersucht. Für diesen Standpunkt liegt die Schönheit im Verhältnis von Teilen oder Formgliedern. Wenn alles Schöne in Form besteht und Form eine zur Einheit irgendwie ge¬ sammelte Mannigfaltigkeit bedeutet, so kommt es blofs darauf an, dafs die Glieder zueinander in quantitative Beziehung gesetzt sind. Aber das absolute Quantum sowohl der Teile als auch des Ganzen gilt als ästhetisch bedeutungslos. Für diese Auffassung ist, kurz gesagt, 10 : 20 dasselbe wie 1 : 2. Und da wir auch von der Psychologie belehrt werden, dafs im Seelen¬ leben überhaupt die Verhältnisse eine entscheidende, die Gröfsen an sich eine geringe Rolle spielen, so neigen wir von vornherein zur entsprechenden ästhetischen Ansicht. Zum gleichen Urteil drängt die Theorie des schönen Scheins. Gesetzt, wir hätten es in der Kunst mit blofsem Schein zu tun.