207 Literaturbericht. H. Rickert. Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbiidnng. Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften. I!. Tübingen und Leipzig, Mohr (Siebeek), 1902. 743 S. Mk. 9.—. Für die modernen Geisteswissensehaften, oder wie Rickert sagt, die historischen Kulturwissenschaften, war es verhängnisvoll gewesen, dafs sich Logik und Methodologie der wissenschaftlichen Forschung und Zielsetzung fast ausschliefslich an den früher ausgebildeten naturwissenschaftlichen Kategorien und Verfahrungsweisen orientiert hatte. Die Folge war, dafs die Geisteswissenschaften entweder, auf logische Grundlage gänzlich ver¬ zichtend, in roh spezialistischer Empirie verharrten, oder dafs sie die natur¬ wissenschaftliche „Universalmethode“ zu ihrem Ideal erkoren. Dilthey war der erste, der dem gegenüber den leider unvollendet gebliebenen Versuch machte, den Geisteswissenschaften eine eigene philosophische, und zwar antinaturalistische, ja hypernaturalistische Grundlegung zu geben ; dann wurde nach längerer Pause die Arbeit in intensiver Weise wieder auf¬ genommen von einer kleinen Gruppe innerhalb zusammenhängender süd- westdeuscher Philosophen: Windelband, Rickert, Münsterberg; und das vorliegende Buch darf als erster zusammenfassender Abschlufs dieser Be¬ mühungen gelten. Dafs in einer solchen Revision des globus intellectualis auch die Psychologie, die ja nach heute weithin herrschender Auffassung eine zentrale Stellung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften einnimmt, in entschiedenster Weise tangiert werden mufs, ist selbstverständlich; sowohl ihre Stellung im System der Wissenschaften wie ihre Leistungsfähigkeit als „Grundlage“ der Geisteswissenschaften enthält in der RicKERTSchen Gedankenführung eine Einschränkung, die zwar in vielen Punkten zweifel¬ los zu weit geht, jedoch im grofsen und ganzen gegenüber den Ansprüchen und Hoffnungen der „Psychologisten“ eine gesunde Reaktion darstellt und auch der psychologischen Spezialarbeit auf theoretischem und ange¬ wandtem Gebiet nur nützen kann. So verlockend es ist, das bedeutende Buch in seinem ganzen Umfange ausführlich zu würdigen, so werden wir uns doch, den Aufgaben dieser Zeitschrift entsprechend, hauptsächlich auf die Schlufsfolgerungen für die Psychologie konzentrieren und die übrigen Gedankengänge nur, sowreit es für diesen Zweck nötig ist, darstellen.