161 Das Mitgefühl. Yon B. Gboethuysen. Einleitung. Mitgefühl ist ein in der psychischen Erfahrung gegebener emotioneller Zustand, wie Zorn, Furcht u. dgl. Für diesen psychischen Zustand hat sich im wissenschaftlichen Sprach¬ gebrauch in Analogie mit dem englischen Sprachgebrauch der Terminus „Sympathie“ in Deutschland und Frankreich einge¬ bürgert. „Sympathie“ in diesem Sinne hat natürlich nichts mit dem zu tun, was man im gewöhnlichen Sprachgebrauch „Sym¬ pathie“ im Gegensatz von Antipathie nennt, und was man ganz roh als Zuneigung bezeichnen kann1, oder besser als Wohlgefallen beim Wiederfinden von Lust- oder Unlustgefühlen bei anderen, die den eigenen Gefühlen ähnlich sind.2 Den Begriff des Mitgefühls oder der Sympathie näher zu bestimmen, das Mitgefühl zu beschreiben, zu analysieren und gegenüber verwandten psychischen Tatsachengebieten abzu¬ grenzen, ist die Aufgabe dieser Abhandlung. Der Versuch, diese Aufgabe zu lösen, wird dadurch gerechtfertigt, dafs die bisherigen Begriffsbestimmungen des Mitgefühls nicht genügen können. Den Beweis für diese Behauptung zu liefern, ist die Aufgabe des ersten Abschnittes. Erster Teil. Darstellung und Kritik der Begriffsbestimmungen des Mit¬ gefühls in der neueren Psychologie. Die Psychologen, deren Ansichten wir in nachfolgendem darzustellen und zu kritisieren haben, stimmen darüber überein, 1 Hobwicz: Ps. Anal, auf physiol. Grundlage. 8. 319 f. * N. H. Bang, zitiert bei Höffding: Ethik. 8. 608. Über Sympathie in diesem Sinne cf. auch Fbchneb: Vorschule der Ästhetik. I, S. löOff. Zeitschrift für Psychologie 34. 11