158 Litcraturbericht. selbst Unterschiede der Theorie auf Unterschiede des Erlebens zurück (265). Wohin aber kommen wir mit solchen Partikularitäten ? Sie nützen nur, wenn bedeutende Persönlichkeiten dahinter stehen oder die Erlebnisse sehr fein zergliedert werden. Ferner mufs nun deutlich gezeigt werden, wie auf diesem Gebiete vom Einzelnen zum Allgemeinen zu gelangen ist, wie die inkommensurable Sondererfahrung zur wissenschaftlichen Erkenntnis umzugestalten ist. Das geschieht, meinem Gefühl nach, in dem vorliegen¬ den Bande nicht mit der nötigen Durchschlagskraft und teilweise auch ohne bewufste Methode. Eine ähnliche Schwierigkeit entsteht aus dem Widerstande, den die subjektivistische Grundlegung dem Gewinne objektiver Merkmale entgegen¬ setzt. R. beginnt damit, dafs er alle Werke der Sprache Dichtungen nennt, solange sie ästhetisch aufgefafst werden; auch er mnfs aber auf bleibende und gegenständliche Kennzeichen der Poesie gelangen. Der Übergang voll¬ zieht sich m. E. nicht kenntlich und sicher genug. Und die Schuld liegt nicht in mangelnder Fähigkeit, sondern darin, dafs der Verf. einerseits zu abhängig von Schultheorien bleibt, andererseits über Einzeluntersuchungen und Notizen den Zusammenhang im grofsen vernachlässigt. Die kritischen Auseinandersetzungen mit Fechner (sie folgen der „Vorschule der Ästhetik“ bis in Ungeschicklichkeiten der Anordnung) und mit gegenwärtigen Forschern verdunkeln sowohl die Eigenart als auch den Fortschritt der Gedanken. Mehr als ein Drittel des Buches hätte in gelehrten Zeitschriften seine richtige Stelle gehabt. Ich wünschte wohl, der Verf. könnte die noch ausstehenden Bände in bücherfreier Einsamkeit und ohne Rücksicht auf die Tagesförderungen schreiben. Trotz allem ist der Wert dieser „Poetik“ nicht gering. Sie ist, relativ betrachtet, die unseren heutigen Bedürfnissen am besten entsprechende, und, absolut betrachtet, eine gründliche und besonnene Untersuchung. Wenn die Fortführung unter glücklichen Zeichen erfolgt, so wird Roettekess Werk ein solches werden, aus dem Psychologen, Ästhetiker und Literar¬ historiker gleichmäfsig lernen können. Dbssoib (Berlin). F. da Costa Gotharaens. Le besoin de prier et ses conditions psjchologlqoes. Rev. philos. 54 (10), 391—412. 1902. Das Gebet zu Gott unterscheidet sich vom Bitten im gewöhnlichen Leben nur bezüglich des Wesens, an welches das Bitten gerichtet ist. Die Art des Betens unterscheidet sich bei den einzelnen Individuen je nach ihrem Temperament, Alter, Geschlecht, Rasse, Milieu, Umstände, Erziehung, Gewohnheit, Klima, historischer Epoche, Zeit und Ort. Das Beten kommt häufiger bei Melancholikern als bei Sanguinikern vor, häufiger in der Jugend und im Greisenalter als im mittleren Alter. Die Frauen neigen mehr dazu als die Männer. Erziehung und Milieu haben grofsen Einflufs darauf. Die Einsamkeit regt besonders dazu an. Im Mittelalter war das Beten häufiger als im Altertum und in der neuen Zeit. Die Völker des heifsen Klimas haben mehr das Bedürfnis zu beten als die Völker des Nordens. Die intellektuelle Kultur wirkt ihm entgegen. Es gibt zur Frömmigkeit neigende Familien, bei denen das Bedürfnis zu beten sich vererbt. Besondere Um¬ stände, wie z. B. drohende Gefahren, provozieren das Beten.