76 Literaturbericht. physiologisches Phänomen, aber — und diese Einschränkung ist wichtig —- „kein unter allen Umständen physiologisch gleiches Phänomen“, (wie es z. B. bei Freude der Fall ist, mit der immer Gefäfserweiterung einhergehtj. Als Genufs dagegen bezeichnet Lange, indem er Genufszustände für zum grofsen und wesentlichen Teil identisch mit den Gemütsbewegungen anuimmt (S. 28, cf. auch Langes Schrift „Über Gemütsbewegungen“) die Stimmung die man zu erreichen strebt; und „als Kriterium, ob eine Stimmung für jemanden ein Genufs ist, kann man den Umstand betrachten, ob der Be* treffende in diese Stimmung zu gelangen sucht“. D. h. also: nichts ist ein Genufsmittel an und für sich. (Im Gegensatz dazu kann ein Eindruck, der nur auf unsere Intelligenz wirkt, uns kalt lassen, d. h. unser vasomo¬ torisches System nicht erregen, ergo uns keinen Genufs verschaffen). Von den Affekten, die fast alle Genufs gewähren können, ist die mit Gefäfserweiterung verbundene Freude oben erwähnt ; dieselbe physiologische Grundlage hat der Zorn, der sich von der Freude wohl nur durch die gröfsere Intensität der Gefäfserweiterung und die Steigerung der motorischen Innervation unterscheidet. Unter unseren heutigen Kulturverhältnissen ist der Genufs des Zorns eingeschränkt, nur wo wir uns ihm ohne Gefahr und Reue hingeben können (z. B. bei „gerechter Entrüstung“) empfinden wir ihn als Genufs. Viel stärker empfinden das heut noch die wilden Völker, vielleicht am stärksten die alten nordischen Völker, z. B. die Berserker, auf deren ganze Kultur Lange exemplifiziert. Geringer ist der Genufs bei allen mit Gefäfsverengerung (und spastischen Kontraktionen der willkürlichen Muskeln) einhergehenden Affekten, als Angst und Schrecken, Spannung, Kummer. Aber dafs auch sie Genufs gewähren können, besonders wenn es sich um „sympatisclie Angst usw.“ also „Angst usw. auf anderer Leute Kosten“ wie bei Kampfspielen, Tierbändigerszenen handelt, zeigt die Beliebtheit derartiger Schaustellungen, ferner die Erfolge der „Räuberromane“, ja z. T. ist die Wirkung von Kunstwerken wie die von E. A. Poe und E. T. A. Hoffmann auch diesem Gefühl zuzuschreiben. Auf die eigene Person beziehen sich die mit derartigen Affekten verknüpften Genüsse in erster Linie bei allen Spielen, besonders den sogenannten „Glücksspielen“, in denen die Spannung eine so grofse Rolle spielt, sodann hat für gewisse Menschen die Gefahr eine besondere Anziehungskraft, für manche Menschen ist nicht nur die „sanfte Melancholie“ beim Lesen eines rührenden Buches, beim Hören rührender Musik, ja sogar der wirkliche Kummer eine Quelle des Genusses. So berichtet Ohlensckläger von einem Freunde, der immer „unglücklich verliebt“ sein mufste, um in seinen Mufse stunden in die „elegische Stimmung, die er so sehr liebte“ zu kommen. (Koch charakteristischer erscheinen dem Ref. für diese Art des Genusses die Selbstbekenntnisse des Novalis in seinen Tagebüchern.) — Ausführlich be¬ spricht Lange die Extase, deren physiologische (vasomotorische) Grundlage wahrscheinlich sehr verschieden ist. Ihr Einflufs ist von höchster Bedeutung für die Geschichte (besonders der ihr leicht unterliegenden Orientalen), wie für die Kulturentwicklung der Menschheit. Derwische, christliche Märtyrer, Flagellanten, Stigmatisierte stellen die voll entwickelte Form der Extase dar. Aber auch heut in unserem Klima unter zivilisierten Völkern spielt die halbentwickelte Form als „Bewunderung“ im täglichen Leben eine be-