400 Literaturbericht. Funktion der Aufmerksamkeit : Im Gedächtnisprozefs wendet sich die Auf¬ merksamkeit den sekundären, d. h. durch Assoziation mit der ursprüng¬ lichen Empfindungsgruppe bewufst gewordenen Empfindungen relativ weniger stark zu als im Erwartungsprozefs. Die starke Konzentration der Aufmerksamkeit auf die durch Assoziation bewufet gewordenen Empfin¬ dungen bewirkt das Auftreten von beginnenden oder wirklich ausgeführten Bewegungen und begleitenden Spannungs- und Bewegungsempfindungen im Erwartungsprozefs. Der Erwartungsprozefs tritt in der Entwicklung des Kindes und wahrscheinlich auch der Rasse früher auf als der Ge- dächtnisprozefs. Wenigstens ist dies für unmittelbare Erwartung richtig. Unmittelbare Erwartung ist ein primitiverer Prozefs als Gedächtnis (Er¬ innerung). Die meisten Handlungen der Tiere, die als auf Gedächtnis be¬ ruhend angesehen werden, sind in Wirklichkeit das Ergebnis von Erwartung. Ferner werden die begleitenden Gefühle diskutiert. Zu unterscheiden ist die Gefühlsbetonung des Inhaltes der Erwartung und die des Prozesses der Erwartung. Ein Gefühl an sich kann nicht erwartet werden. Der Er¬ wartungsprozefs wie andere geistige Prozesse ist notwendig zur Ökonomie der Lebensvorgänge. Verf. untersucht die Beziehungen zwischen Erwartung und anderen geistigen Prozessen: Begriffsbildung, Verlangen, Wollen, Glauben, Gemütsbewegung. Die engen Beziehungen zwischen Erwarten und Wissen sind ausführlich aufgezeigt. Der Glaube an die Realität der Aufsenwelt beruht auf Erwartung. Die von der Wissenschaft formulierten Naturgesetze sind Erwartungen auf Grund eines Bewufstseins aller in Be¬ tracht kommenden erfahrungsmäfsigen Bedingungen. Max Mîtes (Columbia, Missouri). Albert Gehbikq. The Expression ef Emotions in Inslc. Philos. Beo. 12 (4), 412—429. 1903. Der Streit der Formalisten und Inhaltsästhetiker in der Musik, der Streit Hakslick - Wagner, kann geschlichtet werden, wenn man sich klar macht, dafs das Wort „Ausdruck“ („expression“) verschiedene Bedeutungen hat. Es bedeutet 1. die bestimmte und beabsichtige Darstellung von Vor¬ stellungen oder Gedanken, 2. die mehr oder minder unbeabsichtigte Ver¬ kündung des Seelenlebens ihres Urhebers. In dieser Beziehung ist ein ge¬ spieltes Musikstück ebenso Ausdruck des Seelenlebens des ausführenden Virtuosen, wie der Gang, die Schrift etc. ausdrucksvoll sind, 3. die Harmonie des Gehörten mit dem Gefühlsablauf des Hörenden, wobei durch eine Rück¬ übertragung die Gefühle dem Musikstück zugeschrieben werden. Im ersten Sinne ist Ausdruck der Musik zufällig und unwesentlich — er kann Vor¬ kommen, fehlt aber vielen Werken ersten Ranges. Im zweiten Sinne ist Ausdruck wohl stets vorhanden — aber nicht wesentlich. Denn die Musik hat hier vor anderen Äußerungen des Menschen nichts voraus. Im dritten Sinne dagegen ist Ausdruck stets vorhanden und wesentlich. Gewöhnlich brauchen die Formalisten das Wort im ersten, die Gefühlsästhetiker im dritten Sinne. Cohx (Freiburg i. B.).