96 Unfähigkeit zu lesen1 und Dictât zu schreiben bei voller Sprachfähigkeit und Schreibfertigkeit. Von Prof. Dr. C. Ritter in Ellwangen. Es sind pathologische Fälle bekannt, wo ein Mensch die vorher erworbene Fähigkeit zn lesen eingebüfst hat, ohne dafs er auch der Fähigkeit des Sprechens und Schreibens verlustig ging. Nach dem von manchen Psychologen anerkannten Grund¬ satz, dafs dasjenige, was an geistigem Besitz zuletzt erworben worden, bei der Auflösung der Kräfte des Geistes zuerst wieder entschwinde, könnte man schliefsen, Personen, bei welchen die bezeichnete Erscheinung eintrat, hätten in ihrer Schulzeit erst, nachdem sie die Fähigkeit des Abschreibens sich erworben, nach¬ träglich auch das Lesen des Geschriebenen erlernt. Doch mag das kaum glaublich scheinen, da ja im Elementarunterricht der Volksschule wohl überall Lesen und Schreiben bei der Erlernung Hand in Hand gehen und gleichzeitig eingeübt werden. Aber es wäre an und für sich denkbar, dafs wir alle bei diesen ver¬ bundenen Uebungen vorher der Schreibbewegungen unserer Hand sicher würden, durch die wir die Nachahmung des vor uns stehen¬ den Buchstabenbildes zuwegebringen, als der Umsetzung jenes Bildes in den gesprochenen Laut; wahrscheinlicher ist es, dafs wenigstens für einen Theil der Menschen dies zutrifft, während für den anderen Theil, der anders veranlagt ist, eine andere Ordnung gelten wird. Indes nicht von Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten soll weiter die Rede sein, sondern ein that- sächlicher Befund soll mitgetheilt werden betreffs eines Menschen der, ohne an einem Gehör- oder Sprachfehler zu leiden, die Kunst des Lesens und Dictirtschreibens überhaupt nicht hat er- 1 Einige Mediciner wenden dafür das greuliche Mils wort „Alexie“ an. Einem Philologen wird man nicht zumuthen, dieses nachzusprechen.