56 Literaturbericht. dieser Hypothesen. Wenn man emotionelle Werthgefühle annimmt (als verschieden von Organempfindungen und Graden der Lust und Unlust), so wird man zu dem Schlufs geführt, dafs die Ausdehnung dieser Allge¬ meinzustände über verschiedene Sonderzustände zunimmt mit der relativen Bedeutungslosigkeit der Lust-Unlustelemente und der Absonderung der organischen oder motorischen Elemente. Eine Analyse typischer Phasen von Gemüthsbewegungen stimmt hiermit überein. Dafs es ein emotionelles Gedächtnifs gebe, ist vielfach ohne Weiteres angenommen worden. Von der modernen Elemententheorie wird die Existenz eines solchen Gedächt¬ nisses dagegen geleugnet. Der Verf. verlangt, dafs man unterscheide zwischen Gedächtnifs im Sinne einer willkürlichen Erinnerung und Ge¬ dächtnifs im Sinne blofsen Wiedererkennens. Die Existenz eines emotio¬ nellen Gedächtnisses in letzterem Sinne hält der Verf. für sicher. Er be¬ richtet aus seiner eigenen Erfahrung einen Fall, wo ihm plötzlich ein besonderer emotioneller Ton bewufst geworden sei; er habe trotz eindring¬ lichem Suchen keine Vorstellungen entdecken können, die hierfür hätten verantwortlich gemacht werden können. Das bei der Wiederbelebung von Vorstellungen geltende Gesetz, wonach das Allgemeinere vor dem Specielleren bewufst wird, gilt auch auf dem Gebiet des emotionellen Gedächtnisses. Lust und Unlust, ihrer besonderen Natur nach, können nicht vorgestellt werden; aber eine relativ permanente Gruppe von Instinktgefühlen kann vorgestellt werden. Um dies theoretisch verständlich zu machen, braucht man nur die Existenz einer „dynamischen Constanten“ in der Gemüths- bewegung anzunehmen ; eine vorgestellte Gemüthsbewegung ist ein System von Zeit- und Intensitätsbeziehungen zwischen organischen Empfindungen. Max Meyer (Columbia, Missouri). Emil Bullaty. Das Bewufstseinsproblem erkenntnifskritisch beleuchtet und dargestellt. Arch. f. systemat. Philos. 6 (1), 63—85; (2), 176—209. 1900. Die Phänomenalität der „Aufsenwelt“ hat nichts mit einer gröfseren Unmittelbarkeit des psychischen Seins zu thun, die Psychologie als empirische Wissenschaft kann demnach auch die Grundfragen der Philosophie nicht lösen. Die „Aufsenwelt“ oder physische Welt ist freilich vom Bewufstsein untrennbar, aber umgekehrt ist eben auch das Bewufstsein nur Bewufstsein dieser physischen Welt. Der Gegensatz von Innen- und Aufsenwelt liegt innerhalb des Bewufstseins, er beruht auf dem Gegensatz von Passivität und Activität, die aber nie ohne einander, sondern stets nur mit einander verbunden auftreten. Der Gegensatz wird weiter auf das Gebiet des Be¬ wufstseins inhaltes hinübergespielt nnd daraus abgeleitet, „dafs der Inhalt der Erscheinungswelt eben nur indem Bewufstsein des Gegen¬ satzes einer Körperlichkeit und Thätigkeit sich erschöpft (182). Derselbe Gegensatz findet sich weiter in dem anderen subjectiver Gefühle und objectiver Empfindungen wieder. „Der Gegensatz von einander untrennbarer subjectiver Gefühle und objectiver Empfin¬ dungen stellt sich uns somit als die sich selbst erfassende, er¬ greifende physische Erscheinung dar“ (191). Da wir Körperlich¬ keit und Thätigkeit stets nur in ihrem Gegensätze wahrnehmen, so sind sie ohne existentiale Gültigkeit. „Alle unsere Betrachtungen, die wir über