Literaturbericht. 319 das Gedächtnis dabei zur Geltung, nämlich dann, wenn die zu vergleichenden Eindrücke durch eine l&ngere Zeit getrennt sind. Sehr wertvoll ist der Besitz einer Anzahl treuer Markierungspunkte innerhalb der Wahrnehmungs¬ reihen der einzelnen Sinne, sofern die Einordnung eines neuen Eindruckes alsdann um so besser gelingt. — Was zweitens die analysierende Be¬ obachtungsgabe betrifft, so könnte man dieselbe mit der Tätigkeit eines Scheinwerfers vergleichen, der ein Gebäude sukzessive beleuchtet. Sie bildet überwiegend ein Akt des Wollens und beruht auf dem Interesse an der AuJsenwelt. Die meisten Menschen gelangen gar nicht zu einer Analyse, sondern bleiben beim Gesamteindruck stehen. Der analysierenden Be¬ obachtung erwächst aus einer Fülle von Vorbegriffen eine ganz besondere Hilfe. Letztere werden bei jedem Suchen und Anpassen sogleich mobil. Jene Vorbegriffe stärken auch das Wahrnehmungsinteresse. Wird durch eine spezielle Beschäftigung däs Beobachtungsinteresse erhöht, so kann sich dies auch auf anderen Gebieten betätigen. Auch das Vergleichen vermag vorübergehend eine gröfsere Feinheit der Wahrnehmungsanalyse zu bewirken. Schliefslich kommt auch die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden in Betracht: Die Ideen werden nicht nach jenem zufälligen Stärkeverhältnis ungeordnet, in welchem Wahrnehmung und Assoziation sie dem Geiste zuführt, sondern die wichtigeren werden in den Vordergrund gerückt. Rousseau gab zuerst den Anstois zu einer methodischen Erziehung der sinnlichen Unterscheidungsfähigkeit. Pestalozzi wollte von den Elementen ausgehend in dieser Beziehung einen lückenlosen Lehrgang verfolgen. So z. B. brachte sein Unterricht den Schülern zunächst Ausmessungsformen. Letztere sollten Orientierungspunkte innerhalb der flielzenden Reihe der Lageverhältnisse bilden, von denen das schätzende Auge seinen Anfang nehmen könnte. Als Urform aller Lageverbältnisse galt dem Pestalozzi das Quadrat. Nach Hebe art dagegen ißt es das Dreieck. Doch beging letzterer den Fehler, dais er alle Einzelheiten der analysierenden Beobachtung auf Dreiecke zurückführen wollte, und dafs er dabei das materielle Element der Gesichtswahrnehmung, die Farbe übersah. Erst bei Fsöbbl spielt die Farbe eine Rolle. Es fragt sich, ob die Ausbildung der schätzenden Beobachtungsgabe sich lohnt. Für das Leben der meisten Menschen reicht offenbar die uns eigene sinnliche UnterBcheidungsfähigkeit aus. Eine Ausnahme davon bilden einige Künste, wie die Kunst des Musikers, Zeichners, Malers, Arztes, Schützen usw. Die Vorbildung für diese Künste gehört schon dem Schul¬ unterrichte und der Kindererziehung an, in Form von Gesangsunterricht, Gerwerfen, Fuis- und Handball, Zeichnen usw. Da die analysierende Beobachtungsgabe auf den apperzipierenden Vor- begriffen und dem daraus resultierenden Spezialinteresse an gewissen Wahrnehmungsgebieten beruht, so kann auch nur eine Schulung dieser Beobachtungsgabe für spezielle Anschauungsgebiete stattfinden. Verf. will den Anschauungsunterricht, wie er in der Volksschule getrieben wird — das Anschauen der Natur — nicht mehr rückhaltslos anerkennen. Des¬ gleichen ist es nach Verf. verfehlt, die Beobachtungsgabe an den sprach¬ lichen Formen zu üben. Der Gebildete braucht die analysierende Be¬ obachtungsgabe vor allem für 3 Objekte: für Menschen, Natur und Kunst.