318 Literaturbericht. mitsprechen kann. Der Roman kann von den Bekenntnissen, Eindrücken und Reflexionen des Autors nicht leben, wohl aber die Lyrik. Alle Kunst strebt nach vollster Subjektivität, sobald aber das Ziel erscheint, kehrt sie plötzlich am und verlangt nach objektiven Stützen. Dies geschieht aus Mitteilungsbedürfnis an andere. Es bleibt nicht bei dem einfachen und bequemen Ausströmenlassen der Lebenskraft, bei dem rohen Vonsichgeben des Überflusses, sondern die brachliegende Gabe wird in den Dienst der Menschheit gestellt. Immer mufs der Künstler von einem idealen Pnblikum mindestens trüumen, das ihn recht verstehen und würdigen könnte. Voll¬ kommene Kunst ist der Ausdruck vollster Subjektivität in der Gestalt vollster Objektivität. Der Künstler verteilt an jede Person ein Stück seines eigenen Selbst. Welcher Person gibt aber der Dichter Recht? Was meint er selbst? Jedenfalls wird er einer bestimmten unter den Personen mehrere Züge von seinem Selbst, von seinem Erlebten und „Anempfundenen“ verleihen, wobei die Anempfindung ein noch unverarbeitetes Erlebnis darstellt. Beide Elemente, Wirklichkeit und Phantasie, sind für das Zustandekommen des Kunstwerkes unentbehrlich. Meist übertreibt, potenziert sich der Künstler in seiner Hauptperson. Auch das Privatleben des Künstlers dürfte bis au einem gewissen Grade in Betracht kommen. Zwar ist in den seltensten Fällen der Künstler größer als sein Werk. Warum daher nach der Person des Künstlers fragen ? 1 Und doch erst durch die Kenntnis der Entstehunga¬ bedingungen eines Werkes vermögen wir dasselbe richtig zu würdigen. Die Unsicherheit in der künstlerischen Beurteilung eines Werkes kann sich verlieren, wenn man aus einer Biographie des Künstlers ersieht, welches Erlebnis und welche Stimmung der künstlerischen Vision zu¬ grunde lagen. Gissslss (Erfurt). R. (Up.kv Beobachtungsgabe. W. Reins Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik. 2. Auflage. S. 515—532. 1903. Wie es für den Psychologen interessant sein dürfte, sich von Zeit zu Zeit über die Verwertung seiner Lehren in der Pädagogik zu informieren, so ist für den Pädagogen die Betrachtung seiner Diszipline im Lichte der fortschreitenden Psychologie insofern erspriefslich, als er dadurch leicht auf bestehende Mängel und neue Erfordernisse aufmerksam wird. Der vorliegende Aufsatz behandelt eine kompliziertere seelische Erscheinung, deren Ausbildung zu den unerläßlichsten Bedingungen aller Geistesbildung gehört, die Beobachtungsgabe. Unter Beobachtungsgabe versteht man einerseits die Feinheit und Unterscheidungsfähigkeit der Sinne als „schätzende“ Beobachtungsgabe, andererseits die „analysierende“, wobei das Individuum sein Objekt nicht als ungegliederte Masse auf sich wirken läßt, sondern es in seine Bestand¬ teile zerlegt auffaßt. Die psychologischen Bedingungen der schätzenden Beobachtungsgabe sind Feinheit der Organe selbst und Übung derselben. Von entschiedenem Einfluß auf die Genauigkeit der Schätzung ist der Aufmerksamkeitsgrad. Wenn wir achtlos sehen und hören, halten wir vieles für gleich und identisch, was wir bei scharfem Aufmerken wohl unter¬ scheiden. Auch die Vitalität d. h. das Quantum der vorhandenen Nerven- energie, genauer der Grad der Ermüdung spielt eine Rolle. Ferner kommt