Literaturbericht. 303 ihr, soweit eie standhält, die Basis der „wissenschaftlichen Grandlage“. — Von diesem Gesichtspunkte will das Werk beurteilt sein. Verf. beginnt mit einer kurzen Kennzeichnung des Unterschiedes von Handlungen und Auedrueksbewegungen. Diesen gebühre als psycho- diagnoetiBchen Symptomen der Vorrang. Die Schreibbewegung sei eine Kombination aus beiden und gehöre mithin zur „Physiognomie des Hand. ‘ Schriftenurhebers“. Sie biete gegentlber anderen physiognomisch deutbaren Bewegungserscheinungen des Menschen den Vorteil, dafs sie sich in der Handschrift fixiert. Deshalb müsse „gerade von dieser Seite der am meisten Erfolg versprechende Angriffspunkt für das ebenso schwierige wie inter¬ essante und wichtige Gebiet der Bewegungsphysiognomik gesucht werden“. Es folgt die ZnrQckweisung der wichtigsten Ein wände, welche man gegen die Abhängigkeit handschriftlicher von Eigenschaften des Charakters vorgebracht hat. Die bekannten Experimente zur Ausschaltung des schreiben- - den Organs werden um ein sehr handliches vermehrt. Meyer liefe sechs Wochen hindurch mehrere Personen „Faustschrift“ schreiben (wobei der Sehreibgriffel von der geballten Faust umspannt ist). Der Erfolg entsprach der Erwartung: mit wachsender Übung näherte sich die Schrift der gewöhn- ' lieben Handschrift, „ein Zeichen dafür, dafs die anfänglichen Abweichungen nur Folgen der Unbeholfen heit waren“. Was aber für die feinen Fingèr- bewegungen gilt, dafs sie nämlich auf die Schriftgestalt keinerlei wesent¬ lichen Einflufs üben — date gilt prinzipiell vom schreibenden Organ über¬ haupt: die Handschrift ist Gehirnschrift. Den Kern des Buches bilden die wichtigsten Erklärungsprinzipien der Graphologie. 8ofern die Handschrift als Sichtbarkeit unwillkürlicher Be¬ wegungen erscheint, werden ihre Merkmale auf doppelte Weise aus der Funktionspbysiognomie des Schrifturhebers verständlich: entweder nämlich als die besondere Form allgemeiner Bewegungsgewohnheiten oder als die besondere Wirkung deT sog. latenten Innervationen. Das erste Prinzip läfst sich gut erläutern an jener Lebhaftigkeit, welche unbewufst alle Hantierungen des sanguinischen, eifrigen, beweg¬ lichen Menschen modifiziert. Beim Schreiben wird sie vor allem eine Steigerung der Geschwindigkeit nach eich ziehen, woraus Abkurvung der Ecken, „fliefsender“ Duktus und Ausweitung der Schrift in horizontaler Richtung hervorgeht. — Um solche mehr deduktiv gewonnenen Vor¬ stellungen zu bewahrheiten, kann man entweder die Handschriften aus¬ geprägt lebhafter mit denjenigen phlegmatischer Personen vergleichen oder aber feststellen, welche Veränderungen die Schriftzüge ein und der¬ selben Person in Gemütszuständen erfährt, die eine gesteigerte (bzw. herabgesetzte) Lebhaftigkeit aller Funktionen mit sich bringen. Die letztere, induktiv strengste Methode demonstriert Meyer am Schriftmaterial Geistes¬ kranker, „welches die sonst nur mehr oder weniger angedeuteten Eigen¬ arten gewissermafsen in hypertrophischer Ausprägung zeigt“. Dergestalt findet er unter anderem das aus allgemeineren Erwägungen feststehende Ergebnis bestätigt, dafs Exaltationszustände einher¬ gehen mit Steige rnng.Depressionszustände mit Herabsetzung