302 Literaturbericht. auf, es gedanklich zu bemeistern. Wie so häufig hat man auch hier daä Kind mit dem Bade ausgeschüttet und Ober den Milserfolgen der Lavatr, - Gall ete. die hervorragenden Leistangen z. B. eines Carl Gustav Cabci. vollständig vergessen. — Erst im letzten Jahrzehnt scheint sich zwischen beiden Lagern eine Annäherung za vollziehen. Die Gründe dafür sind doppelseitig. Die Fachpsychologie beginnt mehr und mehr den individuellen Differenzen Beachtung zu schenken.' Die Physiognomik andererseits hat ihren Schwerpunkt verlegt: anf den: vielleicht etwas voreiligen Versuch einer psychologischen Fo.rmeninter- pretation liefs sie den weit aussichtsreicheren der Deutung derFunkttonen folgen. Im Mittelpunkte ihres Forschens steht gegenwärtig die Schreib- bewegung. Die Probleme der Graphologie wurden den Fachmännern zum ersten-- mal nahe gerückt mit Preybrs „Zur Psychologie des Schreibens“. Psztbb wagte sich an die zweifellos undankbare Aufgabe, das wissenschaftliche Denken mit Einsichten zu befreunden, die gröfstenteils im Bereich der Inspiration gewachsen waren. Der laute und oft recht parteiische Wider-' sprach, dem er begegnete, hat so wenig die Verdienste seines Buches ver¬ dunkelt wie umgekehrt das wahllose Lob der Anhänger zu täuschen ver¬ mochte über seine unverkennbaren Schwächen. Heute, wo das Werk der Geschichte angehört, dürfte eine objektive Abschätzung möglich sein. Als dauernde und wichtige Errungenschaft ist zumal die PssvRBsche Methode der Schriftzerlegung anzusehen (von ihm „Analyse und Synthese der Schrift¬ zeichen“ genannt) — der psychologische Teil seiner Darlegungen hingegen, obschon durch geistvoll anregende und scharfsinnige Einzelheiten au¬ gezeichnet, läfst im ganzen gerade das vermissen, was am wenigsten ent¬ behrlich war: die zwingende Beweiskraft. Inzwischen hat die Graphologie durch die zielbewufete Tätigkeit der „deutschen graphologischen Gesellschaft“ ganz erhebliche Fortschritte gemacht und eine Arbeit gezeitigt, die jene Aufgabe wiederum, aber mit ungleich besserem Erfolge zu lösen unternimmt: „Die wissenschaft¬ lichen Grundlagen der Graphologie“ von Dr. Geobg Meter.1 Der Titel ist nicht ohne Mifsverständlichkeit. Man könnte an die Erörterung gewisser Prinzipien denken, mittels deren die graphologischen Tatsachen gefunden wurden. Man könnte meinen — und auch Mbvzzs Vortragsweise ist darin undurchsichtig — Verfasser gelange an der Hand psychologischer Methoden zu graphologischen Sätzen, die er alsdann durch Tatsachenprüfung bestätigt finde. Darum handelt es sich jedoch natürlich nicht. Genau wie Preyeb setzt auch er die Empirie seines Gebietes als gegeben voraus. Er bereichert sie nicht, ja er verzichtet auf Vollständigkeit in ihrer Verwendung. Aber er unterwirft sie der logischen und experi¬ mentellen Kritik, er untersucht sie auf ihren Gültigkeitsumfang, er gibt 1 Die wesentlichsten Partien des Werkes erschienen zuvor als selb¬ ständige Einzelabhandlungen in den „Graphologischen Monatsheften“, dem Organ der „Deutschen graphologischen Gesellschaft“.