262 Literaturbericht. L. W. Stebn. Algewaidt« Psychologie. Beiträge eur Psychologie der Aussage. Herausg. von Stkbk. (1), 4—46. 1903. Die angewandte Psychologie hat gegen die „Intuitiven“ wie gegen die „Psychologisten“ zu kämpfen. Jene sind die zahlreicheren und lassen die Psychologie höchstens als die intuitive Gabe, sich in anders Menschenseelen verständnisvoll einzufühlen, gelten. Und doch muDs diese Gabe durch eine wissenschaftliche Psychologie vertieft und gelautert werden, was bis jetzt allerdings noch nicht in bestimmten Daten möglich ist Dies gilt nicht nur für Pädagogen und Juristen, sondern auch für die Historiker, Sprachforscher, kurz alle Geisteswissenschaftler. Nach den Psychologisten dagegen ist die Psychologie nicht nur die Grundlage aller Geisteswissen- schaft, sondern auch aller praktischen Kultur, soweit sie sich mit Seelen¬ leben befafst; zu ihnen gehören Meinono, Lipps, in gewissem Sinne auch Mach und Wundt, zuweilen auch Pädagogen und Kriminalpsychologen ; den entgegengesetzten Standpunkt vertreten Münstbbbbbo, Rickbbt, in gewisser Beziehung auch Dilthbt, James, B. Erdmann. Nach des Verls Meinung übersieht der Psychologismus, dafs die Psychologie als Wissenschaft das Seelenleben unter dem Gesichtswinkel der indifferenten sachlichen Ob- jektivation, der Analyse und der Allgemeingültigkeit betrachtet, also von der persönlichen Wertung, wie von der persönlichen Einheit und Indivi¬ dualität abstrahiert; in der praktischen Kultur dagegen, wie Erziehung, Rechtsprechung und Krankenbehandlung hat das geistige Dasein gerade als Person unter Personen Bedeutung, hierin unterscheidet sich wesentlich die Anwendung der Physik und Chemie von der der Psychologie. Grund¬ lage der Geisteskultur kann also nur die Ethik sein, da die Psychologie nur sagen kann, wie gewollt wird, nicht, wie gewollt werden soll, oder wie Vorstellungen sich verknüpfen, nicht, wie sie zum Zwecke der Erkenntnis verknüpft werden müssen. Daher sind dem Psychologen Verbrechernaturen, Täuschungen besonders wertvoll, während sie der Ethiker und Logiker bedauert. Ebenso verflüchtigt der Psychologe in seiner Weltfremdheit, wie sie sich aus der analytischen und isolierenden Tätigkeit mit alleiniger Berücksichtigung deB Allgemeinen ergibt, alle Individualität und Einheit, während der Historiker gerade die Entwicklung eines persönlichen oder nationalen Geisteslebens zum Ziele hat, der Pädagoge und Richter es mit der einheitlichen Individualität zu tun hat, um sie intuitiv nicht diskursiv zu erfassen; dies soll nicht etwa durch eine Theorie oder ein begriffliches Schema beseitigt oder ersetzt, aber durch Wissen und Kennen erweitert