434 Literaturbericht. Stellung ist eben hinter jenen Detailbeschreibungen fast verloren gegangen, so dafs neben dem eigentlich sympathisirenden Mitleid auch die natürliche oder krankhaft übertriebene Abneigung gegen Wahrnehmung fremden Leides, die schon von Hume als unvollständige Sympathie abgetrennt worden war, behandelt wird, ferner allerlei rührselige Herbst- und Dämmer¬ stimmung, die nur mit einer speciellen Ablaufsweise des Mitleides eine gewisse Stimmungsverwandtschaft besitzt, dann auch Selbstbemitleidung, endlich jedwede Stellungnahme zu fremdem Leide, welche nicht gerade, wie die Grausamkeit, am fremden Schmerz selbst Genufs findet, also z. B. die Freude, dafs man selbst nicht so schlecht daran sei. Mit der mangelnden Analyse des eigentlichen Mitleides bleiben aber natürlich auch die gegen¬ seitigen Beziehungen solcher Abarten wenig aufgeklärt. Der Gegenstand unserer Sympathie wird insbesondere durch den Satz allzusehr einge¬ schränkt, dafs wir nur mit solchem Leide Mitleid haben könnten, das wir für uns selbst fürchteten. Im letzten Capitel wird u. A. gegenüber den Verächtern des Mitleides die Anerziehung eines richtigen Maafses von Mit¬ leid den Pädagogen empfohlen, wobei natürlich nicht an einen quanti¬ tativen Maafsstab gedacht werden darf. Ueberall blickt eine menschen¬ freundliche, selbst für Mitleid reich empfängliche Persönlichkeit des Verf.’s hindurch, und finden sich im Einzelnen viele treffliche Bemerkungen. Wibth (Leipzig). Ybjö Hirn. The Origins of àrt. — A Psychological and Sociological Inquiry. — London, Macmillan and Co., 1900. 331 S. 10 sh. Wie ist die Menschheit dazu gekommen, so viel Kraft und Eifer der Kunst zu widmen, „einer Thätigkeit, die fast gänzlich ohne einen praktischen Zweck sein kann?M — (S. 15) Die Lösung dieses „sociologischen und psycho¬ logischen Räthsels“ ist die Hauptaufgabe des Buches. H. richtet daher seine Untersuchung vor Allem auf die Natur des „Kunsttriebes“ (art- impulse), den er mit Recht nicht als ein Privilegium einzelner Individuen, sondern als ein Gemeingut unseres ganzen Geschlechts ansieht. Zunächst kritisirt er einige frühere Ansichten über das Wesen dieses Triebes. Der durch Schiller, Spencer und Groos vertretenen „Spieltheorie“; die er dabei noch am ausführlichsten bespricht, gesteht er zwar zu, dafs „sie w'ohl das negative Kriterium der Kunst erklären möge ; sie sei aber nicht im Stande uns irgend einen positiven Aufschlufs über die Natur der Kunst zu geben.“ (S. 29). — In Wirklichkeit ist jene Theorie freilich doch nicht so unvoll¬ kommen, als H. glaubt. Schiller und Groos wenigstens charakterisiren das „künstlerische Spiel“ durchaus nicht nur negativ als eine äufserlich zwecklose Thätigkeit, sondern zugleich sehr positiv als die freieste und vollste Bethätigung der Persönlichkeit. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ — Die positive Erklärung, durch welche H. die „negative“ Bestimmung seiner Vorgänger ergänzt, ist auf die „allgemeine Psychologie des Gefühls“ gegründet. Lustgefühle erhalten und erhöhen sich in dem Maafse, in dem sie Ausdruck durch Bewegungen finden. Un¬ lustgefühle dagegen werden durch aetiven Ausdruck abgeschwächt und überwunden. „Die lebenerhaltende Tendenz, die uns unter einem Lust¬ gefühl zu Bewegungen führt, welche die Empfindung verstärken und klarer