Literaturbericht. 313 können — ein Ergebnis, was in Gegensatz steht zn der Behauptung Wundts und Herings, dafs unter solchen Bedingungen die absolute Entfernung eines Fixationsobjektes nicht geschätzt werden könne. Aus den mitgeteilten Ergebnissen schliefst nun unser Autor vor allem, dafs nach Ausschaltung aller übrigen Kriterien der Tiefenschätzung Akkommodation und Konvergenz noch hinreichen, eine solche Schätzung zu ermöglichen. Damit ist die Tatsache sicher gestellt, dafs entweder die Akkommodation oder die Konvergenz oder beide zusammen die Tiefen- schätzung bestimmen. Da sich nun aber in Bairds Versuchen gezeigt hat, dafs die Abnormität in der Tiefenschätzung, welche eine Versuchsperson bei monokularer Beobachtung aufwies, bei binokularer Fixation nicht eben¬ falls zu konstatieren war, so schliefst Baird, dafs die Faktoren, welche die relative Tiefenschätzung bestimmen, bei monokularer Beobachtung andere seien als bei binokularer. Da ferner bei monokularer Fixation die Ver¬ suchsperson mit abnormer Akkommodation unfähig war zu richtigen Tiefen- schätzungen, so scheint der Schlafs gerechtfertigt, dafs bei den Versuchen mit monokularer Fixation die Akkommodation (ohne die Konvergenz) das wesentliche Tiefenkriterium lieferte. Im Anschlufs an seinen Befund diskutiert unser Autor die ver¬ schiedenen Formen der Theorie vom Einflufs der Akkommodation auf die Tiefenschätzung. Er weist zunächst darauf hin, dafs die Lehre von der Erkenntnis der Annäherung eines Objekts aus zunehmender Spannung des Akkommodationsapparates seit Berkeley bekannt sei, dafs aber die Auf¬ fassung, wonach auch die Entfernung eines Objekts vom Beobachter durch Veränderung (Entspannung) des Akkommodationsapparates erkannt werde, bisher keine Vertreter gefunden habe. Im Gegenteil habe beispielsweise Wundt in seiner ersten hierhergehörigen Veröffentlichung ausdrücklich er¬ klärt, dafs die letztere Annahme unhaltbar sei; denn die Entspannung des Ziliarmuskels könne keine Empfindung vermitteln und demgemäfs auch nicht die Grundlage eines Urteils bilden. Diese Ansicht findet Baird ver¬ ständlich unter Voraussetzung der Theorie der Innervationsgefühle. Da¬ gegen glaubt er, dafs sie mit der Aufgabe der letztgenannten Theorie hin¬ fällig geworden sei. Nehme man einen peripheren Ursprung der Muskel- empfindungen an, so müsse man zugeben, dafB die Entspannung ebenso wie die Kontraktion eines Muskels Empfindungen erzeuge. Nur dies sei auf Grund der Untersuchungen v. Freys zuzugeben, dafs die Unterschieds¬ schwelle für Relaxationsempfindungen gröfser sei als für Spannungs¬ empfindungen. Dies stehe aber im besten Einklang mit den Versuchs¬ ergebnissen, wonach die Schwellenwerte bei den „Näher-Urteilen“ niedriger befunden worden seien als bei den „Ferner-Urteilen“. Zum Schlufs bringt Baird die Resultate seiner Untersuchung noch in Beziehung zu den allgemeinen psychologischen Raumtheorien. Er kommt zu einer Ablehnung der nativistischen Theorie, obwohl er zugibt, dafs die¬ selbe für die Erklärung der relativen Lokalisation bei binokularer Beob¬ achtung die geeignetste sei. Die Gründe, die zur Verwerfung der in Rede Btehenden Hypothese in ihrer vollkommensten, von Hering und Hillkbhand gegebenen Formulierung führen sollen, sind folgende: