412 Literaturbericht. Dem Wirken des Taubstummenlehrers sind Grenzen gezogen, die sich nach Aneicht des Verf.'s lediglich aus den psychischen Eigentümlich¬ keiten des Taubstummen ergeben. Die Frage mufs aber noch unbeant¬ wortet bleiben/ ob man die Unvollkommenheiten, welche dem Taubstummen trotz allen Unterrichtes anhaften, nicht späterhin bis zu einem gewissen Grade durch eine Vervollkommnung der Methoden wird beheben können. Solange es aber an einer exacten Taubstummenpsychologie fehlt, kann an eine solche Ausgestaltung der Taubstummenpädagogik nicht gedacht werden. Th. Heller (Wien). B. Hollander. The Present Stute of Mental Science. The Journ. of Mental Science 47 (197), 293—317. 1901. Eine Arbeit mit vielversprechendem Titel und schwungvollen Capitel- überschriften. Der Hauptnachdruck wird auf den Nachweis gelegt, dafs das Stirnhirn der Sitz der Verstandesthätigkeit und damit das „Hemm¬ centrum gegen die niederen und mehr instinctiven Triebe“ ist; auch die Affecte erhalten ihre eigenen Centren. Schröder (Heidelberg). Benno Erdmann. Die Psychologie des Kindes nnd die Schäle. Bonn, Cohen, 1901. öl S. Mk. 1.—. Eine wie grofse Gefahr für die wissenschaftliche Arbeit der Gegen¬ wart in dem Scheine der Exactheit liegt : davon legt auch der gegenwärtige Betrieb der Kinderpsychologie beredtes Zeugnifs ab. Statt sich den Be- wufstseinsthatsachen des Kindes mit den Mitteln der Psychologie anzu¬ nähern, ziehen die Kinderpsychologen vielfach physiologische und biologische Begriffe und Gesichtspunkte in der Voraussetzung heran, dafs durch sie die kindlichen Bewufstseinsvorgänge unmittelbar festgestellt und erklärt werden können. Der Schein der Exactheit, der für Viele von Allem aus¬ geht, was von Physiologie und Biologie herkommt, läfst leichten Herzens die einfache Thatsache übersehen, dafs das Untersuchungsgebiet der Kinder¬ psychologie das Bewufstsein des Kindes ist. So vergifst man, dafs die Methoden dieser Wissenschaft doch wohl den eigenthümlichen Forderungen anzupassen sein werden, die durch die Aufgabe der Bewufstseins- forschung gegeben sind. Der einzige Erfahrungsstoff, der dem Kinder¬ psychologen zur Beobachtung gegeben ist, liegt weitab von den kindlichen Bewufstseinsvorgängen als solchen; und es kommt nun darauf an, Mittel und Wege zu ersinnen, durch die es möglich ist, von dem andersartigen Erfahrungsstoffe aus unter Beachtung der mannigfaltigen Schwierigkeiten und Unsicherheitsquellen dennoch einigermaafsen die Bewufstseinsvorgänge des Kindes nach Elementen und Entwickelung zu erschliefsen. Statt dieses langwierigen und dornigen Weges wird nun von vielen ein kürzerer und sich aufserdem durch scheinbare Exactheit empfehlender Weg gewählt: der Kinderpsychologe glaubt in gewissen der Physiologie und Biologie ent¬ nommenen Begriffen oder wohl gar „Gesetzen“ unmittelbar den Schlüssel zu den Fragen und Rüthsein des kindlichen Seelenlebens in der Hand zu haben. Indem er von etwas völlig anderem spricht, glaubt er doch schon von dem kindlichen Bewufstsein zu sprechen. Heinrich Eber hat die Schädigung der Kinderpsychologie durch biologische Begriffe besonders an