321 Experimentelle Untersuchung der beim Nachzeichnen von Strecken und Winkeln entstehen¬ den Gröfsenfehler. Von Julius Richter und Hermann Wämser. A, Versuche von Julius Richter. Habe ich mir die Aufgabe gestellt, ein einfaches geometrisches Gebilde, z. B. eine Strecke oder auch einen Winkel nach¬ zuzeichnen, so wird in den meisten Fällen die Reproduktion mit dem Original hinsichtlich der Gröfse nicht überein stimmen. Dabei scheinen sich nun in vielen Fällen gewisse Gesetz- mäfsigkeiten zu zeigen, indem bei manchen Vorlagen die Tendenz zum Vergröfsern, bei anderen die Neigung zum Ver¬ kleinern im Durchschnitt bedeutend überwiegt. Die Frage, wie man solche Fehler in der Reproduktion psychologisch bezeichnen soll, ist nicht leicht zu entscheiden. Der Gedanke an optische Täuschungen liegt nahe, ist aber kaum durchführbar, da der Anblick der Kopie dieselben Täuschungsbedingungen darbietet wie der des Originals, so dafs eine Abweichung vom Original auf diese Weise nicht gut erklärt werden kann. Eher könnte man, da Kopie und Original beim Nachzeichnen gewöhnlich nicht in ein er Wahrnehmung aufgefafst werden, von Erinne¬ rungstäuschungen sprechen. (Vgl. Groos, „Seelenleben des Kindes“, Kap. IX.) Es sind dies jedoch theoretische Fragen, deren Beantwortung jedenfalls nicht leicht ist, und es scheint angebracht, erst einmal zu untersuchen, ob sich denn wirklich eine gewisse Gesetzmäfsig- keit der beim Nachzeichnen einfacher geometrischer Gebilde entstehenden Gröfsenfehler ergibt. Dann erst worden sich näm- Zeitsehrift für Psychologie 3:>. 21