222 Literaturbericht. in den ersten drei Gruppen finden sich bei der jeder Schilderung spottenden Mannigfaltigkeit alle möglichen Uebergangsformen, so dafs eine scharfe Grenze zwischen den einzelnen Gruppen nicht zu ziehen ist. An der Hand von Krankheitsgeschichten entwirft Verf. ein anschau¬ liches Bild der Symptomatologie jeder Form, ihres Verlaufs und ihres Aus¬ gangs, ihrer Aetiologie, Diagnose und Therapie; besonders eingehend wird das circuläre Irresein behandelt, welches die anderen Formen in der Praxis an Bedeutung bei Weitem überragt. Die den periodischen Störungen ge¬ meinsamen körperlichen Symptome werden eingehend gewürdigt; aufser der Beschaffenheit des Pulses und dem Verhalten der Menstruation ver¬ dienen gewisse, vom Verf. zuerst erhobene Harnbefunde sicherlich alle Beachtung. Bemerkungen über den Einflufs intercurrenter körperlicher Krankheiten, über die Combination von periodischem Irresein mit anderen Psychosen und Neurosen, die pathologische Anatomie beschliefsen die anregend geschriebene Abhandlung. Welcher Fleifs darin steckt, möge schon daraus erhellen, dafs das beigegebene und im Text auch ausgiebig benutzte Literaturverzeichnifs mehr denn 700 Nummern aufweist. Ernst Schultze (Andernach). A. Baer. Der Selbstmord im kindlichen Lebensalter. Eine social-hygienische Studie. Leipzig, Georg Thieme, 1901. 84 S. Mk. 2.—. Versteht man unter Kinderselbstmord nur den Selbstmord, der von Personen unter 15 Jahren ausgeführt wird, so lehrt die Statistik, dafs auch die Zahl des Kinderselbstmordes in den letzten Jahrzehnten erheblich zu¬ genommen hat, so dafs es nicht nur berechtigt, sondern nothwendig ist, den Ursachen dieser Erscheinung nachzuforschen. Das thut B. in der vor¬ liegenden Broschüre in der bei dem Verf. bekannten streng sachlichen und kritischen Weise. Verf. bespricht zunächst die Häufigkeit des Selbstmordes im kindlichen Lebensalter und weist nachdrücklich darauf hin, dafs er noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts wenig verbreitet und wenig bekannt war. Das hat sich, wie zahlenmäfsig nachgewiesen wird, wie bei den verschiedensten Cultur- völkern, so auch in Deutschland geändert, welches Siegert geradezu das klassische Land des Selbstmordes genannt hat. Nach den amtlichen statistischen Angaben für das Königreich Preufsen, welche natürlich auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen können und hinter den wirklichen Verhältnissen noch Zurückbleiben, ist bei den 1708 Kinderselbstmorden in der Zeit von 1869—1898 das männliche Geschlecht mit fast 79°/0 betheiligt Die unverkennbare Zunahme zeigt sich darin, dafs der jährliche Durch¬ schnitt in der ersten fünfjährigen Periode 38, in der letzten 68 beträgt; oder es kommt, wenn man die Bevölkerungsziffer zu Grunde legt, in der Zeit von 1869—1873 ein Selbstmord auf 666022, in der Zeit von 1894—1898 ein Selbstmord auf 497 815. Die Zahl der Selbstmorde überhaupt ist in den 30 Jahren etwas stärker gestiegen als die der Kinderselbstmorde. Ein Par¬ allelismus oder irgend eine Abhängigkeit zwischen diesen beiden Zahlen läfBt sich nicht erweisen, und das spricht dafür, dafs dem Kinderselbstmord