120 Literaturbericht. G. Lange. Zar Geschichte der Solmisation. Sammelbd. d. Internat. MurikgeteU. 4 (Aug.—Oct.), 535—622. 1900. Selbstanzeige. Solmisation bedeutet die Lautirung der (gesungenen) Töne. Ihr Organ ist die einfache Silbe bestehend aus Vocal und dazu tretendem als Laut- stütze dienenden Consonanten. Die Solmisation stellt also die Tonsymbolik für das Ohr dar und steht der Tonbezeichnung (durch Buchstaben, Noten, Ziffern) gegenüber, der Tonsymbolik für das Auge. Wie die geschichtliche Untersuchung ergiebt, sind die beiden Dar¬ stellungsweisen getrennte Wege gegangen. Die Solmisation insbesondere diente dem Sänger dazu das Tonsystem nach Maafseinheiten (Tetr&chord-, Hexachord-, Oktochord-, Heptachordlehre) zu gliedern, in denen die Ent¬ fernung der Töne von einander durch die ihnen zukommenden bestimmten Silben erkannt wurde. Die Bedeutung solcher Tonsymbolik beruht in der Leichtigkeit, mit welcher Associationen zwischen Sprach- und Tonvor¬ stellungen zu Stande kommen; es spielen deshalb die Tonsilben beim Sänger zur Erweckung der Tonvorstellung dieselbe Rolle, nur in noch weit höherem Grade, wie die Muskelempfindungen beim Instrumentalisten. Nach einer langen Zeit der Unsicherheit bot die Hexachordsolmisation des Mittelalters, deren Erfindung, eine musikgeschichtliche That ersten Ranges, auf Guido von Atrezzo zurückgeht, dem Sänger die ersehnte feste Handhabe zu seiner Orientirung im Tonsystem. Ihr Nutzen für den Unterricht war so grofs, dafs sie Jahrhunderte lang im ganzen Abendlande als alleinige Richtschnur galt, an der man nicht das Geringste verändern durfte. Befangen von den Vorurtheilen seiner Zeit verwechselte man anf diese Weise das in der Methode zum Ausdruck gelangte, dem damaligen Stande der Kunst entsprechende System (Hexachordlehre) mit der Methode selber. Dies gab Veranlassung zu einem länger als zwei Jahrhunderte währenden Streit über die Abschaffung der alten Maafseinheit und Ein¬ führung einer moderneren und bequemeren nämlich des Oktochords, spSter des Heptachords durch Hinzufügung einer siebenten Silbe si zu den sechs alten do, re, mi, fa, sol, la. Die endgültige Abstellung des mittelalterlichen Solmisationsverfahrens und die in Deutschland erfolgte Abschaffung auch der neuen Einheit do, re, mi, fa, sol, la, si und ihre Ersetzung durch die Namen der Tonzeichen (c, d, e, f, g, a, b, h) ist also nicht das Resultat einer der obigen widersprechenden besseren Einsicht in die psychologischen Vor¬ gänge, sondern findet ihre Erklärung allein darin, dafs das einfachen Be¬ dürfnissen angepafste alte Solmisationssystem in seiner Entwickelung hinter dem sich zur 12 stufigen Chromatik ausreifenden Tonsystem zurückgeblieben war und sich darum selbst im Licht stand. / Man schüttete das Kind mit dem Bade aus und wandte sich einer ganz anderen Methode zu, der Ziffrirung der Töne, die dem Auge allein die Erweckung der Tonvorstellung zuschiebt. Allmählich fand jedoch auch bei den Ziffristen die Silbe wieder Würdigung, der beste Beweis für ihre Leistungsfähigkeit. Voll und ganz kommt sie in der Tonica Solfa Methode zur Geltung, die zur Zeit in England allgemein verbreitet ist. Besonders interessant ist diese Methode, weil sie in ihrem Anfangsstadium den kühnen Versuch wagte, dem natürlich reinen Stimmungsprincip gerecht zu werden. Das zu diesem Zwecke den alten Silben hinzugefügte nothwendige Flick