106 Literaturbericht. .Schwelle aber, mittelbare und unmittelbare Reproduction und die Weiter¬ bildung und eine erhebliche Klärung des Begriffes Apperception ihm allein verdankt, lehnt sie aufs entschiedenste seine Verstellungs-Mechanik und -Dynamik ab. Aehnlicherweise bringt Herbabt in der Lehre von den Ge¬ fühlen manche glückliche und werthvolle Beobachtung, in der theoretischen Deutung und Herleitung der Gefühle und Affecte jedoch kann ihm die moderne Psychologie nicht folgen. Der letzte Abschnitt endlich ist Herbabt'* Willenslehre gewidmet, in der manch ein bedeutender Grundsatz der modernen Psychologie schon zur Geltung gekommen ist. Abschliefeend kennzeichnet Z. nochmal die Unterschiede, welche trotz vielfacher lieber- einstimmung in wichtigen Punkten die beiden Richtungen trennen. Dabei kann Ref. freilich nicht verhehlen, dafs seines Erachtens Verf. den Werth der Physiologie, von ihrem noch unbefriedigenden Stand ganz abgesehen, für die Psychologie etwas überschätzt, die Thatsache aber, dafs die physio- logischerseits beobachteten Vorgänge ihre Deutung doch erst erhalten durch die Psychologie, nicht hinreichend würdigt. Mit dem sehr beachtenswerthen Hinweis, dafs auch die grofsen Verdienste Herbart’s um die Pädagogik kein Grund sein können, seine Psychologie der modernen vorzuziehen, ein¬ fach deshalb weil sich sein pädagogisches System auch mit den letzteren recht gut in Einklang bringen läfst, schliefst diese werthvolle, zum gegen¬ seitigen Verständnifs nicht wenig beitragende Untersuchung. Offner (München). P. J. Möbius. Stachyologle. Weitere vermischte Aüf&ätie. Leipzig, J. A. Barth, 1901. 219 S. Die vorliegende „Aehrenlese“ der wie immer anregend geschriebenen Aufsätze widmet Verf. dem Andenken Fechner’s zu seinem demnächstigen 100 jährigen Geburtstage. Ein Theil der Aufsätze liegt aufserhalb des Rahmens der vorliegenden Zeitschrift; andere wie z. B. der über Entartung ist bereits hier referirt. Folgendes möge daher genügen. Dafs dem Psychiater mit so viel Mifetrauen begegnet wird, liegt nach Verf. unter Anderem daran, dafs er sich zu sehr für sich, fern von der Welt hält. Der Psychiater sollte vielmehr sein Reich ausdehnen und auf Eroberungen ausziehen; er sollte die Literaturbetrachtung in den Kreia seiner Arbeit ziehen und vor Allem weniger die Minderwerthigen als viel¬ mehr die Mehrwerthigen studiren, um so unser Wissen von den Talenten, ihrer Abhängigkeit von der Organisation des Individuums, von dem Ein¬ flüsse der Vererbung etc. aufzuklären. Das ist der Inhalt seiner Aus¬ führungen über „Psychiatrie und Literaturgeschichte“. Wie sehr die Psychiatrie geeignet ist, uns über das Wesen von Persön- lichkeiten aufzuklären, das hat M. selbst mit seiner bekannten Arbeit be¬ wiesen, die die Krankengeschichte Rousseau’s betrifft, von seinen anderen Studien gar nicht zu reden. Hier („Ueber J. J. Rousseau’s Jugend“) berichtet er des Genaueren über Rousseau’s Jugend, und beweist damit, dafs seine spätere Paranoia, der wir seine Bekenntnisse verdanken, nur der Ausdruck der ererbten Entartung war. Die Art und Weise, wie Rousseau seine Jugend zubrachte, ebnete den Boden für die spätere Paranoia, aber sie schuf auch die Eigenartigkeit seiner Persönlichkeit.