Literaturhericht. 103 zu können und ganz und gar in die Scholastik gehört die Verwendung, die der Grundbegriff seiner gesammten Philosophie, der des „Unbe- wufsten“ findet. Dieses negative Neutrum, welches zunächst nur aus¬ sagt, dafs eine bestimmte Eigenschaft nicht vorhanden ist, wird nun zum eus realissimum hypostasirt ; zugleich aber wird alles und zwar das Disparateste, in den Begriff hineingeworfen, sobald es jener „bewufsten“ Eigenschaft ermangelt : die absolute Thätigkeit des Weltgrundes ebenso wie die physiologischen Vorgänge im Nerven. Aber ist denn jemals das N icht- haben einer Eigenschaft ein Grund gewesen zu einer metaphysischen Identification? Umfafst der Begriff des Nicht-Schwarzen noch irgend eine sachliche Einheit, wenn ich das Weifse, die Liebe und den Rosenduft — denn alle drei sind nicht schwarz — hereinnehme? Was vielleicht unter einem speciellen methodologischen Gesichtspunkt gerechtfertigt ist : - gegenüber einem bestimmten Erscheinungscomplex (z. B. dem des Be¬ wusstseins) alles andere unter einem gemeinsamen Begriff zusammenzu- fassen — es ist völlig ungerechtfertigt als metaphysische Synthese. Der Begriff des Unbewufsten, den die Psychologie und die Philosophie so nöthig brauchten, er war in der H.'schen Verallgemeinerung für sie einer wirklichen Verwendbarkeit baar geworden. Wenn auch H. dann wieder den so postulirten Begriff in seine verschiedenen Arten zerlegt, es bleibt doch die Scheidung das Secundäre, die Identification das Primäre und der Grundfehler ist dadurch nicht wieder gut zu machen. In dem vorliegenden Buche ist in dieser Beziehung ein grofser Fort¬ schritt zu constatiren. H. giebt selbst zu, dafs er jetzt die verschiedenen Categorien des Unbewufsten viel schärfer und principieller gegen einander abgrenzt als früher, wo es ihm ausgesprochener Maafsen auf die Betonung des Gemeinsamen ankam. Die positiveren Unterscheidungsmerkmale: synthetische Thätigkeit, Wollen, materielle Erregungen tauchen doch schon viel häufiger aus dem negativen Nebelmeer des Unbewufsten heraus. Je weiter der geschätzte Denker auf diesem Wege fortschreitet, um so mehr Ertrag wird die Metaphysik im Allgemeinen und die Psychologie im Besonderen aus seiner Gedankenarbeit erhoffen dürfen. W. Stern (Breslau). j. Jastrow. Some Currents and Undercurrents in Psychology. (President's Address, Amer. Psychol. Ass.) Psychol. Revieic 8 (1), 1—26. 1901. Jastrow bespricht in diesem Artikel verschiedene Strömungen, die sich gegenwärtig in der Psychologie, namentlich in Amerika, bemerkbar machen. Er drückt den Wunsch aus, dafs dem functionellen Gesichts¬ punkte in der Psychologie, besonders im psychologischen Einführungs¬ unterricht, ein bedeutenderer Platz zugewiesen werde. Er illustrirt diesen Gesichtspunkt durch Hinweis auf die Vorzüge gröfserer Sehschärfe in der Centralgrube im Vergleich zu einer mehr diffusen Gesichtsempfindung ohne Fovea; auf die wunderbaren Coordinationen des binoculareu Sehens, die zweifellos ein spätes Entwickelungsproduct sind. Er erwähnt ferner die dreifache Weise, in der psychologische Probleme in neuerer Zeit in Angriff genommen zu werden pflegen, nämlich als Probleme der genetischen, normalen und abnormen Psychologie, und zeigt die Bedeutung dieser