Literaturbericht. E. y. Hartmann. Die moderne Psychologie. Leipzig, H. Haaeke, 1901. 458 S. In dem gegenwärtigen Stadium der psychologischen Forschung, in welchem sich nach langer, rein empiristischer Richtung wieder das Be- dürfnifs nach metaphysischer Fundamentirung regt, mufs es lebhaftes Interesse erwecken, wenn ein Mann, der alle Zeit durch und durch Meta¬ physiker war und ist, seinerseits die Brücke schlägt zur specialwissen- , schaf tlichen Psychologie, und ihre Principien und Meinungen von einem möglichst umfassenden Betrachtungsstandpunkte aus einer kritischen Musterung unterzieht. Ein solcher Versuch liegt vor in dem neuesten Werk E. v. Hartmann’s, des fleifsigsten aller philosophischen Schriftsteller. Leider mufs man sich diese eigentlich werthvollen und fruchttragenden Seiten aus dem sehr voluminösen Buche erst mit Mühe heraussuchen, weil die Anlage des ganzen Werkes eine nicht glückliche ist. Bei der Lektüre des weitaus gröfsten Theils der 458 Seiten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dafs man gar nicht ein fertig durch- und ausgearbeitetes Buch, sondern eine ungeheure Materialsammlung zu einem solchen vor sich habe ; und wir glauben, die Bedeutung, die wir den hierin verstreuten Ideen Hartmann’s zuschreiben, gar nicht besser kennzeichnen zu können, als durch den aufrichtigen Wunsch, dafs der Verf. bald einmal die Quintessenz aus diesem Buche ziehe, d. h. eine zusammenhängende positive Darstellung seiner eigenen Anschauung in den grundlegenden psycholo¬ gischen Streitfragen gebe. Das Buch nennt sich im Untertitel: „eine kritische Geschichte der deutschen Psychologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert“, und gerade darin steckt sein Grundmangel, dafs es nicht nur Kritik, sondern auch Geschichte sein will — und doch nicht ist. H. ist viel zu sehr der Mensch der eigenen Weltanschauung und der begeisterte Kämpfer, als dafs ihm die kühl betrachtende, anschmiegsame, reconstructive Art des Historikers nicht innerlich völlig fremd sein sollte. Das zeigt jede Seite des Buches. Man kann den Begriff Geschichte auffassen, wie man mag — dafs er einen Werdegang und zwar einen irgend wie zusammenhängenden Werdegang bedeute, wird niemand bezweifeln. Hiervon finden wir bei Hartmann nichts. Zur Gesammtcharakteristik der modernen Psychologie führt er die vier Eigenschaften an: dafs sie hinter das Bewufstsein auf ein in irgend