296 Literaturbericht. ruf8wähl), die in Betracht kommen. Die Besprechung der Prophylaxe der schwer Erkrankten schliefst sich einmal an an die verschiedenen Krank¬ heitsformen, wobei die Entarteten und die auf dem Boden der Entartung erwachsenen Psychosen besonders eingehend berücksichtigt werden, und dann an mannigfache, besonders in die Augen springende Symptome von Geistesstörung überhaupt. Gerade, weil es uns in der Therapie der Psychosen an specifischen Heilmitteln fehlt, verdient die Prophylaxe unsere volle Beachtung. Freilich müfste, um sie in wünschenswerther Weise zu ermöglichen und durchzu¬ führen, der Staat einschreiten und im Interesse seiner selbst und der Ge¬ sunden zu Maafsregeln greifen, die selbst für Amerika zu hart erscheinen. Die klar geschriebene Abhandlung ist naturgemäfs in erster Linie für den Arzt bestimmt. Gleichwohl möchte man ihr eine weitere Ver¬ breitung in Laienkreisen wünschen, nicht nur, um die Eltern, besonders die Mütter und die Lehrer auf ihre Aufgaben auch nach dieser Richtung hin und die dabei zu erzielenden Erfolge hinzuweisen, als auch, um dem alten Institute des Hausarztes als eines fachmännisch vorgebildeten Freundes und Berathers der Familie das Wort zu reden. Ernst Schültze (Andernach). M. Friedmann. Ueber Wahnideen im Yolkerleben. Heft VI U. VII der Grenz- fragen des Nerven- und Seelenlebens, herausgegeben von Löwenfeld und Kürella. Wiesbaden, Bergmann, 1901. 100 S. In der geistigen Geschichte der Menschheit haben wiederholt, ja eigent¬ lich zu jeder Zeit Vorstellungen in grofsen und kleinen Kreisen eine starke Herrschaft ausgeübt, welche theils in ihrer Folge sich grauenhaft und ver¬ derblich erwiesen haben, theils mehr lächerlich und kindisch uns anmuthen. Man bezeichnet sie heute ziemlich allgemein als Wahnidee, als Wahngebilde im Völkerleben, und man hatte sich gewöhnt, sie direct als epidemische Geisteskrankheiten, als wirklichen Wahnsinn aufzufassen. So leitet Fried¬ mann seine Studie über Wahnidee im Völkerleben ein, um sich sofort gegen diese Anschauungsweise zu wenden. An sich sind Psychosen nicht ansteckend, und eine eigentliche Geistes¬ störung kann sich nur dort entwickeln, wo bei dem einzelnen Individuum der Boden durch eine specifische constitutioneile Anlage geebnet ist. Mau kann daher eben so wenig von epidemischen Geistesstörungen reden, wie etwa von einer epidemischen Gicht oder Diabetes, und wenn wir auch unter den Tausenden und Abertausenden von Besessenen und in anderen Geistesepidemien hin und wieder auf Geisteskranke stofsen, so unterlag doch die Mehrzahl einer ganz anderen Störung. Ein Verständnifs für diese Störungen ist uns erst durch die Kenntnifs von der Suggestion und ihrer Bedeutung im Volksleben auf gegangen, und Suggestion, Jfervösität und Hysterie heifsen die drei Factoren, die hier un¬ beschränkt zur Wirkung kommen. Diese suggestive Wirkung einer Idee wird sich um so üppiger entfalten, je mehr sie auf die festgefügte Asso¬ ciation einer vorgebildeten Ueberzeugung trifft, und eine je geringere in¬ tellectuelle Hemmung und keine contrastirende Vorstellung ihr gegen¬ übersteht.