20 Ewald Hering. Es besteht noch immer eine aus der Auffassungsweise der Laien in die Wissenschaft mit hinübergenommene Neigung, die Scheidung der Phänomene des Gresichtsinns in sogenannte ob¬ jektive und subjektive, nicht blofs — und zwar berechtigter¬ weise — in Bezug auf ihre Ursachen vorzunehmen, sondern auch unberechtigterweise in betreff des eigentlichen Wesens dieser Phänomene gelten zu lassen. Daraus entwickelt sich dann die weitere Neigung, zwar die durch äufseres Licht oder andere nachweisbar äufsere Beize herbeigeführten Phänomene auf phy¬ siologische Änderungen im Sehorgane zurückzuführen, für soge¬ nannte subjektive Phänomene aber zu psychologischen Erklä¬ rungen zu greifen, sobald eine physiologische Erklärung nicht nahe hegt. Dies hat um so leichter dazu geführt, der psycho¬ logischen Erklärung gewisser Kontrasterscheinungen den Weg zu bahnen, als man dieselben meist unter minder günstigen Umständen beobachtet hat, daher sie nicht jene Eindringlichkeit und sinnliche Frische hatten, welche ihnen unter günstigen Bedingungen zukommt. Wie sehr für viele die Mannigfaltigkeit der Bedingungen, von welchen bei den üblichen Methoden ihrer Erzeugung die meisten subjektiven Phänomene des Gresichtsinns abhängen, den Beiz zu eingehender methodischer Untersuchung derselben abstumpft, lehren uns keineswegs nur die Erscheinungen des Simultankontrastes, sondern auch die des Successivkontrastes und der damit zusammenhängenden Phänomene. So ist es z. B. bekannt, dafs ein schwaches Nachbild bei Bewegungen des offenen Auges leicht entweder vorübergehend oder auf die Dauer un¬ termerklich wird, und dafs selbst stärker entwickelte Nachbilder während der sprungweisen Bewegung des Blicks von Punkt zu Punkt zu verschwinden scheinen, um erst wiederzukommen, so oft der Blick anhält. Obwohl diese Thatsache mit den Be¬ wegungen des Auges an sich, sofern dieselben nicht etwa be¬ sonders gewaltsame oder excessive sind, gar nichts zu thun hat, konnte sie doch dazu führen, dafs ein ganzes grofses Thatsachengebiet, das für die Physiologie des G-esichtsinnes von grofser Bedeutung ist und wichtige Schlüsse auf die Vorgänge in der nervösen Substanz des Sehorganes zu ziehen gestattet, der weiteren Forschung gleichsam verschlossen wurde- Ich meine das unter gewissen Umständen ganz gesetzmäfsige, längere Zeit hindurch periodisch wiederkehrende Verschwinden