Zur Lehre vom Willen. Von W. Wundt. In einer im 17. Bande der »Philosophischen Monatshefte« (Seite 558 — 602) erschienenen Abhandlung hat J. Baumann die in der 2. Auflage meiner »Grundzüge der physiologischen Psychologie« ent¬ haltene Darstellung der Lehre vom Willen einer eingehenden Kritik unterzogen. Die Gesichtspunkte, die hei der gewöhnlichen Auffassung des Willens maßgebend sind, werden in dieser Abhandlung mit dankenswerther Klarheit entwickelt und damit die von mir vorge¬ tragenen Ansichten verglichen. Schließlich entscheidet sich der Ver¬ fasser zu Gunsten der herkömmlichen Lehre, die er schon früher in seinem »Handbuch der Moral« speciell im Anschluss an die Arbeiten von Lotze und Bain mannigfach verwerthet hatte, und zugleich sucht er nachzuweisen, dass meine entgegengesetzte Anschauung theils auf einer überflüssigen oder unzulässigen Begriflserweiterung beruhe, theils von metaphysischen Ansichten in bedenklicher Weise beeinflusst Sei. Das Ergebniss seiner Kritik fasst Baumann in folgenden Wor¬ ten zusammen : »Nach dein vorherrschenden Sprachgebrauch des gebildeten Le¬ bens und der Wissenschaft ist Wille der geistige Zustand, wo mit Vor¬ stellung und Werthschätzung innere oder zugleich auch äußere Be- thätigung zur Realisirung des werthgeschätzten Inhalts oder zur Nichtrealisirung des in der Schätzung Verworfenen eintritt. Nach Wundt ist Wille innere Thätigkeit überhaupt, besonders aber die Steigerung innerer Thätigkeit, welche bei Lust- oder Unlustgefühlen eintritt. Nach der gewöhnlichen Ansicht ist somit Wille eine beson- Wundt, Phil. Studien. I. 23