354 Litteraturbericht. Sie sind unempfindlicher gegen den physischen Schmerz. Im Alter von 2 oder 3 Jahren vermögen sie die Schmerzempfindung nicht einmal zu lokalisieren. Nicht allein in ihrem physiologischen, sondern auch in ihrem in¬ tellektuellen, affektiven und moralischen Lehen streben die Kinder nach Erhaltung des eigenen Ich und darum auch nach grölstmöglicher Spar¬ samkeit. In intellektueller Beziehung giebt sich dies schon in der Sprache des Kindes kund. Das kleine Kind drückt sich vor allem durch Gesten und durch entsprechende Schreie aus. Verneinung, Bejahung durch Gesten, Zeigen mit den Fingern, Angabe der Gröfsenverhältnisse durch Handbewegungen spielen bei ihm eine grofse Bolle. Auch in der Erfindung der onomatopoetischen Sprache, in der Bezeichnung der Objekt© durch Töne, welche man an ihnen wahrgenommen hat, sowie in der er¬ weiterten Beziehung dieser Nachahmungslaute auch auf Assoziationen der ursprünglichen Vorstellung zeigt sich das Streben, möglichst wenig Kraft anzuwenden. Überhaupt ist das Kind abstrakten Ideen abhold, es bewegt sich ausschliefslich oder vorherrschend in konkreten Vorstel¬ lungen. Neuen Vorstellungen widerstrebt es. Es gefällt ihm nicht in unbekannten Bäumen, es will eine Geschichte immer in derselben Weise wieder erzählt wissen. — Nicht allein intellektuelle Ausgaben scheut das Kind, auch solche der Affektivität. Das Kind strebt danach, aus allem Vergnügen zu ziehen, seine Vergnügungen nanh Möglichkeit zu ver- gröfsern. Der kleinste Winkel wird für ihn zu einer Welt. Ebenso wie die Kinder das Freudige ausnutzen, so vermeiden sie das Traurige. Sie nehmen nur mechanisch am Schmerze eines Anderen Teil. Sie weinen, weil sie weinen hören. Die Affektivität des Kindes ist derartig, dafs sie ihm nicht schadet. Es liebt eine Person, eine Sache nur insoweit, als Freude und Nutzen daraus zu ziehen ist. Selbst die Eifersucht, welche als wirkliche Zuneigung aufgefafst werden könnte, entspringt nur aus dem Wunsche, eine Person oder Sache ausschliefslich für sich selbst zu haben. — Auch das moralische Leben des Kindes ist dem Gesetze der geringsten Anstrengung unterworfen. Es spielt immer mit dem Könige und der Königin. Niemand vermag seiner Ansicht nach das, was es selbst thut, so gut auszuführen. Es rühmt seine Beichtümer. Es ver-^ sucht, sich alles anzueignen, was es sieht. Es will nicht teilen, es be¬ hauptet seinen Platz so breit als möglich. Es lügt zu seinen Gunsten- Erst allmählich giebt es seine egoistische Moral auf und nimmt die Moral der Erwachsenen an. M. Giessler (Erfurt). B. Münz. La logique de l’enfant. Bev. philos. Bd. 41. S. 46—54. 1896. No. 7. Es ist ein Vorurteil, dafs es kein Denken ohne Sprache giebt, das Kind verbindet schon logisch Ideen, bevor es überhaupt ein Wort aus^- sprechen kann, man kann die Kausalitätsfunktion bei ihm in Thätigkeit sehen, bevor es Worte bildet. Diese lernt es dann nicht durch Nachahmung, sondern es mufs sich zunächst selbst eine Sprache schaffen. Kann man denn dem Kinde überhaupt zeigen, wie es zu sprechen hat, da doch die Bewegungen des Kehlkopfes unsichtbar bleiben? Es ahmt gewisse