Studien über die Aufmerksamkeit. Von Sante De Sanctis, Privat-Docent an der Universität Rom. Es ist immer meine Ueberzeugung gewesen, die Beschäftigung mit der Aufmerksamkeit müsse werthvolle Ergebnisse zeitigen. Freilich hat man im Allgemeinen, haben selbst die Vertreter der modernen Psychologie diese complexe Function des Gehirns in zu synthetischer Art studirt, als ob sie eine einfache und allein¬ stehende Function wäre. Dagegen hat, wie Ebbinghaus sagt (Grund¬ züge der Psychologie, I. Band), die neuere Psychologie gezeigt, dafs wie das Gedächtnifs und der Wille, so auch die Auf¬ merksamkeit nicht von dem Inhalt der verschiedenen Wahr¬ nehmungsfelder getrennt existirt. BaijDWin und Andere haben die Neigung bedauert, welche die Psychologen bis in die letzte Zeit gehabt haben, die Auf¬ merksamkeit als Ganzes, wie wenn sie ein „Vermögen“ wäre, zu betrachten. So hat denn V. Henri erst kürzlich sagen können (Année psych. 1897, S. 236 und 247), das Experimentalstudium der Aufmerksamkeit stecke noch in den Kinderschuhen. Einen deutlichen Beweis von dieser Unzulänglichkeit erhält man auf dem Gebiete der Psychopathologie. Die angesehensten Lehrbücher — eines oder das andere ausgenommen, z. B. das von Ziehen — hatten für die Alterationen jener fundamentalen Gehimfunction bei Nervenleidenden und Geisteskranken nur wenige Worte übrig. Ribot’s Unterscheidung zwischen Atro¬ phie und Hypertrophie der Aufmerksamkeit schien mir gegenüber der Fülle der pathologischen Thatsachen wenig zu bedeuten. Meine Studien reichen bis 1893 zurück. Gehen sie auch meistens vom Standpunkte der Psychopathologie oder der In¬ dividualpsychologie aus, so glaube ich doch den Lesern dieser