444 Literatur bericht. und akustische Bild bestimmt in uns bestimmte unbewusste Bewegungen, oder vielmehr Aufänge von Bewegungen, Modifikationen im Tonus bestimmter Muskeln. Dieselben vollziehen sich in denjenigen Muskeln, welche bei ihren Zusammenziehen gewöhnlich auf direktem Wege dasselbe visuelle oder akustische Bild hervorbringen, welches in diesem Moment sich im Be¬ wusstsein befindet. Auch die Anatomie unterstützt die Ansicht des Yerf. Denn der Phy¬ siologe Flechsig hat gefunden, dass die Hirnzentren zugleich sensibel und motorisch sind. „Jedes Bild, welches auf dem Niveau der Projektionszentra entsteht, verfliesst theilweise, so schwach auch immer dieser Theil sein mag, durch die absteigenden motorischen Fasern.“ „Jedes Bild, welches ins Niveau der Assoziationszentra gelangt, verfliesst durch absteigende Wege in die Projektionszentra und in die motorischen Bahnen.“ „Jedes Bild, welches in die Projektionszentra gelangt, verfliesst theilweise durch absteigende Bahnen zu den Muskeln, theilweise in die aufsteigenden Bahnen der Assoziationszentra.“ „Je nachdem die Menge von Bewegung, welche in die Muskeln hinabfliesst, mehr oder weniger bedeutend ist, ist das Bild mehr oder weniger motorisch.“ Die geschilderte Theorie Biervliet’s ist mir persönlich sehr sym¬ pathisch, und sie dünkt mich eine Stütze der Anpassungstheorie Darwin’s zu sein. M. Giessler (Erfurt). Fritz Ötiker. Kasuistischer Beitrag zur Kenntniss der Erinnerungsfälsckungen. Allgem. Zeitschrift für Psychiatrie. Bd. 54, S. 149—177. 1897. Verfasser theilt sehr ausführlich drei Fälle von sog. „einfachen Er¬ innerungstäuschungen“ (Kräpelin) mit; darunter versteht man die Ver¬ legung eines erdachten Vorgangs in die Vergangenheit, der von dem Kranken reproduzirt wird als eine Erinnerung an etwas wirklich Erlebtes ; diese Erinnerung taucht ganz frei und unvermittelt auf, nicht ausgelöst oder auch nur beeinflusst durch die Vorgänge der Gegenwart ; ihre Ent¬ stehung führt Kräpelin zurück einmal auf eine lebhafte Thätigkeit der Phantasie und dann auf eine Kritiklosigkeit; vor ihrer etwaigen Ver¬ wechselung mit einer Erinnerung an frühere Halluzinationen soll der, wTenn auch nur vorübergehend vorhandene, starke Wechsel des Inhalts der Erinnerungstäuschungen schützen können. An der Hand 'seiner Fälle weist Verf. nach, dass diese Ansichten Kräpelin’s nicht absolut zutreffend sind. E. Schultze (Bonn). Margaret Washburn : The Process Of Recogßition. The Philosophical Review Vol. VI, 3. S. 265-274. 1897. In seinem „Grundriss der Psychologie“ findet Külpe für die Bekannt¬ heitsqualität beim unmittelbaren Wiedererkennen die Grundlage a) in der angenehmen oder wenigstens beruhigenden Stimmung, in die uns bekannte Eindrücke versetzen, b) in der besonderen zentral erregenden Wirksamkeit derselben. Der bekannte Eindruck regt eine Fülle ganz spezieller, früher mit ihm in Verbindung gebrachter Vorstellungen an, durch die er alsbald in die Reihe der Erlebnisse des Wiedererkennenden eingefügt erscheint. Wenn auch gelegentlich diese Eingliederung nicht vollendet wird, so er-