236 Literaturbericht. kindern. Seine Ergebnisse bestätigen im Ganzen die Befunde früherer Beobachter. Die Neigung, in Spiegelschrift zu verfallen, ist besonders stark bei jüngeren Schulkindern, die erst 1—2 Jahre Schreibunterricht ge¬ messen. Sie ist entschieden ausgeprägter bei Mädchen als bei Knaben (dort 15, hier ll°/0 unter je 400 Kindern), eine besondere Bevorzugung der Schrift durch linkshändige Kinder besteht dagegen nicht. Grössere Schul¬ kinder liefern nur mehr selten Spiegelschrift; bei Erwachsenen dagegen nimmt die Neigung zu ihr wieder zu, und zwar tritt sie auch hier wieder beträchtlich stärker beim weiblichen als beim männlichen Geschlecht her¬ vor. Relativ hohe Prozentzahlen von Spiegelschriftlern finden sich unter den Taubstummen und namentlich unter den Idioten (hier über 50%). Dass auch funktionelle Nervenkrankheiten zu Spiegelschrift prädisponiren, will Lochte, im Gegensatz zu Soltmann (s. diese Zeitschr. II, 414), nicht finden, allein seine Zahlen für Erwachsene zeigen, dass doch etwas an der Sache ist, während sie bei Kindern zu klein sind. In seiner Erklärung der Erscheinung scheint mir der Verf. ganz das Richtige zu treffen, wobei erwähnt sei, dass die Hauptsache auch bereits durch Goldscheider in seinen Bemerkungen zu der SoLTMANN’schen Arbeit (diese Zeitschr. II, 416) angedeutet wird. Es handelt sich um einen Kampf zwischen kinästhetisch-motorischen und optischen Vorstellungen bei der Regulirung der Handbewegungen. Bei dem gewöhnlichen Schreiben sind beide in einer gewissen stets gleichen Weise mit einander assoziirt worden ; durch die Aufforderung zum linkshändigen Schreiben entsteht dagegen ein Widerstreit zwischen ihnen. Die kinästhetischen Vorstellungen verlangen das symmetrische Bild der rechtshändigen Schriftzüge, die optischen Vorstellungen das gleiche Bild. Da nun aber die weitere Bedeutung des Buchstabens doch in seiner Form liegt, darin wie er aussieht, und nicht in der Art, wie er gemacht wird, so siegt hierbei ganz überwiegend der Gesichtssinn: der verlangte optische Eindruck zwingt die Hand zu Be¬ wegungen, die ihr eigentlich widerstreben. Aber unter besonderen Um¬ ständen entstehen Ausnahmen. Z. B. wenn die Kunst, einen Buchstaben zu machen und zu malen, noch sehr stark im Vordergründe des Interesses steht, wie bei Kindern, die ,noch nicht lange schreiben gelernt haben. Oder bei besonderer Pflege manueller Fertigkeiten, wfie bei Mädchen und Frauen. Ferner bei sehr flüchtigem Schreiben, wenn man fast ohne hin¬ zusehen die Hand nahezu sich selbst überlässt (daher die Zunahme von Spiegelschrift bei Erwachsenen). Endlich auch bei einer allgemeinen Ein¬ schränkung der geistigen Fähigkeiten, wie bei Idioten, von denen die ver¬ langte Aufgabe der Unterdrückung starker motorischer Tendenzen und ihrer Ersetzung durch ganz ungewohnte Bewegungskombinationen wegen ihrer Schwierigkeit nicht mehr geleistet werden kann. Eine vortreffliche Bestätigung erfährt diese Deutung noch durch das Verhalten der Blinden. Blindgeborene oder früh erblindete Individuen zeigten keine besonders starke Neigung, ihre Punktschrift mit der linken Hand in Spiegelbildern wiederzugeben ; sie schrieben entsprechend den Forderungen ihres Tastsinnes. Personen dagegen, die erst nach Erlernen der Kurrentschrift erblindet waren und nun diese seit längerer Zeit nicht mehr geübt hatten, schrieben sie linkshändig in auffallend grosser Anzahl