238 Litteraturbericht. liehe Selbstmordversuche macht. In einem derartigen Anfalle, den der Patient als „religösen Wahn“ bezeichnet, hatte er seinen militärischen Posten verlassen und eine Wallfahrt nach einer 24 Meilen entfernten Kirche gemacht, war noch zweimal geflüchtet, wurde aus dem Dienst entlassen u. s.w. Dafs er an Angst-und Zwangsvorstellungen mehr als an Willensschwäche litt, ging aus den mit voller Einsicht in seinen Krank¬ heitszustand gemachten eigenen Mitteilungen des Kranken hervor, der den lebhaften Wunsch zu genesen hatte. Das quälendste Symptom aber war, dafs Patient, der gut beanlagt und noch neuerdings das Eng¬ lische mit Erfolg erlernt hatte, in seiner letzten Stellung sich in un¬ gewöhnlicher Weise zerstreut und vergefslich zeigte. Er ver¬ wechselte die Briefe, Adressen und Packete an die Kunden des Schuh¬ machers, und vergafs den Namen der Strafse, in der er wohnte, sodafs er sich nicht wieder nach Hause finden konnte, obgleich er Eom, wo er geboren ist, durch und durch kannte. — Je mehr er sich anstrengte, die Dinge zu entwirren, desto mehr verwirrte er sie; im G-egenteil, je weniger er über den zu nehmenden Weg nachdachte, desto eher fand er sich zu¬ recht, indem er sich willenlos den eingeübten Bewegungen überliefs. Der Eall spricht also nicht für Mangel an Aufmerkamkeit, sondern für eine Art der Anstrengung derselben, wodurch eine sofortige Erschöpfung der Binde, daraus Verwirrung und als Gefühlsäquivalent die Angst ent¬ stand. — Verfasser will aber diese Episode in dem Zustande seines an kon¬ stitutioneller Willenschwäche leidenden Degenerierten als charkteristische tiefe Aufmerksamkeitsstörung, Dysprosessia, angesehen wissen, aber weder für Aprosessia, noch für Hyperprosessia — Ausdrücke für mangelnde und überspannte Aufmerksamkeit, die Verfasser aus dem Griechischen italienisiert hat. Fraenkel (Dessau). Sante de Sanctis e Maria Montessori — Bulle cosidette Allucinazioni antagonistiche. 11 Policlinico. Vol. IV. 1897. 17 S. Trotz der reichhaltigen Litteratur über Halluzinationen und Illusionen ist diejenige Spezies, die man hallucinations contraires, doppelte Stimme, und neuerdings hallucinations antagonistiques (Magnan und Séglas) be¬ nannt hat, zwar klinisch genügend, aber psychologisch wenig bekannt und nicht definiert und klassifiziert. Diese Lücke auszufüllen unternehmen die Verfasser, nachdem sie die wichtigsten hierher ge¬ hörigen Fälle aus der Litteratur angeführt haben, auf Grund einer Beihe (19) eigener Beobachtungen in der psychiatrischen Klinik zu Bom. Als antagonistisch gelten ihnen nur die Fälle, in denen 2 Halluzi¬ nationen sich schroff gegenüb erstehen, wie in Fall 1, wo die Kranke bald gut, bald schlecht von sich sprechen hörte, — nicht aber die Fälle, wo eine Halluzination einerseits mit einer besonderen Wahnidee oder dem Grundcharakter des Kranken kontrastiert. Die antagonistischen Sinnestäuschungen kommen nicht nur vor in dem rein halluzinatorischen Wahnsinn und bei der chronischen Ver¬ rücktheit, sondern auch in dem Ausgangsstadium, bei psychischer Schwäche, in degenerativen und melancholischen Zuständen, verschwinden aber zumeist in der Periode des reinen Verfolgungswahnes und in der typi-