Über krankhafte Dissoziation der Vorstellungen. Von Dr. med. et phil. Gustav Wolff, I. Assistenzarzt an der psychiatrischen Klinik in Würzburg. Über die Bedeutung psychiatrischer Thatsachen für das Verständnis des normalen Seelenlebens herrscht heute wohl allgemeine Einigkeit. Sind doch die Krankenbeobachtungen für den Psychologen die wichtigsten Gelegenheiten, das auf allen anderen biologischen Gebieten immer mehr in seinem Wert erkannte Experiment zu Hülfe zu rufen. Bei der „experimentellen Psychologie^, von der heute so viel ge¬ sprochen wird, handelt es sich ja doch meistens nicht um eigentliche experimentelle Untersuchungen, wenigstens nicht um Untersuchungen, denen Experimente im biologischen Sinne des Wortes zu Grunde liegen. Denn Messungen allein, und seien sie auch mit noch so subtilen und komplizierten Apparaten vorgenommen, sind noch keine Experimente. Mit dem gleichen Rechte, mit welchem so manche psycho¬ logische Arbeit sich eine experimentelle nennt, könnte jede deskriptiv anatomische Arbeit auf diese Bezeichnung Anspruch machen, sofern mit feinen Apparaten dabei vorgegangen wurde. Wohl hat ja auch die Psychologie eine grofse Reihe wirklich experimenteller Untersuchungen zu verzeichnen, aber was hier erforscht werden kann, sind doch immer beschränkte und keineswegs die wichtigsten Gebiete, weil experimentelle Ein¬ griffe in das Seelenleben der Versuchsperson zwar, wie viel¬ fache Untersuchungen gezeigt haben, möglich, aber doch nur in sehr beschränktem Umfang möglich sind, und weil das Tier¬ experiment für die Analyse psychischer Vorgänge nur wenig zu leisten vermag. Die Psychologie, dieser wichtigste und höchste Zweig der Biologie, stände deshalb gegenüber den anderen biologischen Disziplinen sehr im Nachteil da, wenn Zeitschrift für Psychologie XV. 1