Litteraturbericht. 479 entgegensetzt und nur an -unschädlichen Genüssen und Freuden Gefallen findet. Die immerwährende Bildung neuer ökonomischer Prinzipien einerseits und neuer ethischer Triebe andererseits gehen Hand in Hand, bis endlich die soziale Gemeinschaft dem höchsten Grade von Voll¬ kommenheit in wirtschaftlicher, ästhetischer und moralischer Beziehung entgegenreift. Die normale soziale Entwickelung hat sich nun unter dem Einflufs der „Schmerz-Ökonomie“ bisher in wesentlich anderer Weise vollzogen. Moralische und religiöse Gefühle waren bereits vorhanden, bevor noch eigentlich soziale Probleme zur Wirksamkeit kamen. Die Furcht vor äufseren Gefahren, insbesondere den schreckhaften elementaren Er¬ eignissen, gab religiösen Instinkten frühzeitig ihren Ursprung und liefs gewisse sittliche Normen erstehen. In wirtschaftlicher Hinsicht über¬ wogen die Interessen des Individuums bis in späte Zeiten hinein die der Gesamtheit, ja die Einsicht, dafs der Einzelne sich selbst am besten fördert, wenn er der Allgemeinheit dient, ist noch heute kaum in das Bewufstsein der grofsen Menge, ja selbst nicht einmal aller Gelehrten gedrungen. Nunmehr aber, wo die zivilisierte Menschheit die Welt sich immer mehr ihren Zwecken unterworfen hat, wo Angst und Schmerz nicht mehr die alleinigen Triebfedern des Handelns sind, sondern wir uns unseres Besitzes zu erfreuen beginnen, da müssen wir auch nach neuen geistigen Mitteln forschen, die unseren Fortschritt am zweck- mäfsigsten leiten können. Und diese Mittel sind uns gegeben nicht in den schwachen Kräften unseres Verstandes, sondern in der weitaus macht¬ volleren Handhabe, die in unserem Gefühlsleben wurzelt. Die treibenden Kräfte sozialer Entwickelung sind im wesentlichen moralischer Natur, und daraus ergiebt sich die grofse Wichtigkeit der Einübung hoher ethischer und ästhetischer Lebensformen. Das Gefühl der Solidarität, der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegenüber der Gesamtheit, der Altruismus, vermöge dessen es einem jeden Freude bereitet, dem Wohl des sozialen Organismus förderlich zu sein, Vertiefung unserer sittlichen, religiösen und ästhetischen Ideale — das sind die Gewalten, die den Fortschritt leiten müssen und leiten werden. Sobald die Bedingungen der alten Umgebung nicht mehr genügen und die Entwickelung nach neuen, zweckmäfsigeren Formen ringt, wird der kräftigere Teil der Ge¬ sellschaft seine sittlichen Forderungen höher und höher stellen, um sich über seine Genossen zu erheben. Wer ihm widerstrebt und nicht nach¬ folgt, bleibt als unsozial vom Fortschritt ausgeschlossen. Wir sehen, auch in Zukunft wird es noch Kampf und Gegensätze geben, ja diese dürfen nicht fehlen, denn ohne Bivalität würde Stag¬ nation in der sozialen Entwickelung eintreten. Aber der Kampf richtet sich nicht mehr wie früher gegen die Schrecknisse der Natur und gegen äufsere politische Feinde, sondern gegen innere Gegner, d. h. gegen die, welche die von der Gesellschaft aufgestellten idealen Forderungen nicht erfüllen wollen oder können. Er vollzieht sich immerwährend, aber langsam und gleichsam ohne Waffen: je geistig höher die Gesell¬ schaft steigt, je lebendiger die sozialen Instinkte werden, desto breiter wird ganz von selber die trennende Kluft zwischen ihr und denen, die