478 Litter aturbericJit. ih.ni folgt der prüfende, hemmende und sichtende Verstand. Während so das Empfindungslehen durch Erweckung kräftiger Impulse den Weg in ein neues, unbekanntes Land zeigt, baut die Vernunft das einmal er- rungene Gebiet mit weiser Überlegung aus. Gerade die Äufserungen des Gefühlslebens — Instinkt, Phantasie, Idealismus, Glaube, sittliche Kraft —, die bei der Würdigung des sozialen Fortschrittes bisher zu gering geachtet wurden, spielen eine weit gröfsere Bolle im sozialen Leben, als der nüchterne Verstand, ja sie erscheinen dazu bestimmt, für die Zukunft die ausschlaggebenden Faktoren der Evolution zu werden. Wir stehen augenblicklich unter dem Zeichen des Beginns einer neuen, bedeutungsvollen, vielleicht der bedeutungsvollsten, Epoche in der gesellschaftlichen Entwickelung. Während bisher das Streben jedes Individuums sowohl wie jeder Genossenschaft, jedes Volkes etc. dahin ging, in eine vor Gefahren und Schädlichkeiten mög¬ lichst geschützte Umgebung zu gelangen, während die ganze Menschheits¬ geschichte sich charakterisierte durch immerwährende Kämpfe gegen äufsere Feinde allerlei Art, so dafs es nicht möglich wurde, sich ruhigen Besitzes zu erfreuen, ist die Kulturmenschheit jetzt so weit vorgeschritten, dafs sie als unbestrittene Herrin der Welt nur noch danach zu trachten braucht, ihr Leben schöner und würdiger zu gestalten: nicht mehr Ver¬ meidung von Gefahren, sondern möglichste Aneignung des Angenehmen und Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse wird das Prinzip des Handelns. Aus der „Schmerz-Ökonomie“ (pain-economy) treten wir über zur „Lustükonomie“ (pleasure-ecönomy). Aber der Übergang vollzieht sich nicht leicht. Das Jahrtausende lange Verweilen in der „Schmerz-Ökonomie“ hat unseren geistigen Mecha¬ nismus und damit die ganze soziale Evolution in hervorragender Weise beeinflufst. Verfasser stellt die Frage auf: Wie würde der Entwickelungs¬ gang sich gestaltet haben, wenn wir nicht erst jetzt in das Stadium der „Lust-Ökonomie“ eingetreten wären, sondern wenn eine solche von An¬ fang an existiert, d. h. wenn es keine äufseren Gefahren durch Feinde, elementare Ereignisse, Hungersnot u. dergl. gegeben hätte? Sein fingierter „Social Commonwealth“ stellt ein solches ideales Gemeinwesen dar, in welchem Furcht und Schmerz ungekannte Dinge sind. Hier haben die sozialen Kräfte freies Spiel: der Einzelne erkennt frühzeitig, dafs seine Interessen, die ja keinen äufseren Angriffen ausgesetzt sind, am ersten gefördert werden, wenn er sie denen der Gesellschaft unterordnet, daher die ökonomische Entwickelung rasch und lebhaft vor sich geht. Die einzigen Gefahren, die der Gesellschaft drohen, entspringen den mannig¬ fachen Formen der Versuchung, der Arbeitsscheu und des Leichtsinns, wie sie bei der Gröfse materiellen Keichtums und Wohlergehens erklär¬ lich sind. Gegen diese Übel hat der Mensch des Idealstaates allein zu kämpfen, — denn andere kennt er ja nicht. Die Individuen und Familien, welche den Versuchungen durch Schaffung ethisch-ästhetischer Ideale immer höherer Natur siegreich widerstehen, werden überleben und Ge» nerationen erzeugen, die ihrerseits wiederum geeignetere „Erfordernisse zum Überdauern“ ausbiiden, bis schliefslich ein Menschentypus entsteht, der jeder Neigung zu Laster und Sünde einen unübersteiglichen Wall