Litter aturbericht. 169 der Vorzug gegeben. Die Geister unterscheiden sieb je nach dem Teile, welche sie denselben Bildern entnehmen. Die einen halten sich mehr an die Wiederholung der wirklichen Bilder, die anderen gehen in der Herstellung der Bilder freier vor. Unter den letzteren giebt es solche, welche ihre .Repräsentationen ausschmücken, und solche, welche sie vereinfachen. Erstere verhalten sich also synthetisch, letztere ana¬ lytisch. Unter dem Typus der Analytiker führt D. ein Individuum an, dessen repräsentative Bilder auf die blofse Farbe reduziert sind. Beim Ver¬ nehmen des Wortes „Soldat“ sieht dieses Individuum eine rote Färbung, bei „Trompete“ ein Blinken, bei „Eisenbahn“ eine schwarze Masse. Unter den Analytikern begegnet man auch solchen, deren Gesichtsbilder repräsentativer Natur sind. Einige von ihnen nehmen den „Teil für das Ganze“. Wenn man mit einer solchen Person von einer gedeckten Tafel spricht, so sieht sie den „Abglanz der Karaffen und des Silberzeuges“. Beim Worte Tambour vergegenwärtigt sie sich „schwarze Trommelstöcke in Bewegung“. Eine andere Klasse von Analytikern „nimmt das Beiwerk für das Hauptsächliche“. So vergegenwärtigt sich X. beim Worte „Hut“ einen Kopf, welcher mit einem Hute geschmückt ist. D. nennt diese Art von Phantasiebildern Paraphantasien, weil sie nicht das direkte Bild hervortreten lassen. Die synthetischen Geister charakterisieren sich durch den Reichtum und die Fülle der Bilder. Während ein Analytiker beim Vernehmen des Wortes „Hut“ einen grofsen schwarzen unbestimmten Schatten sah, sah ein Synthetiker den Hut eines Bettlers, der schmutzig und zerrissen war, von gelblicher Farbe, mit einer Schnur. Unter den synthetischen Repräsentationen kann man solche unterscheiden, welche eine schnelle Folge von verschiedenen Bildern darstellen, und solche, welche sich anordnen und ein Gemälde bilden. Der Reichtum der Bilder hängt auch vom Charakter der Objekte und dem Interesse ab, welches sie erregen. Die analytische und synthetische Tendenz des Geistes zielen beide darauf hinaus, klarer zu sehen. Gleichzeitig verfährt der Geist in beiden Fällen ökonomisch. Denn, wenn er seine Phantasiegebilde einschränkt, so spart er seine Kräfte. Gestattet er seiner Phantasiethätigkeit ein umfassendes Wirken, so spart er damit zeitraubende und mühsame Überlegungen. Ohne Zweifel hat D. in dieser Abhandlung einige wichtige Typen von Phantasiebildern richtig charakterisiert. Ob man jedoch die Geister wirklich durchweg nach diesen Typen einteilen kann, ist mir vorläufig noch nicht klar. Thatsache ist, dafs ein grofses Kontingent der Ana¬ lytiker aus den Reihen der Kinder geliefert wird, von denen viele später Synthetiker werden. Überhaupt ist in vielen Fällen weniger eine ursprüng¬ liche geistige Richtung für das Verhalten der Phantasiethätigkeit aus¬ schlaggebend, als vielmehr die Häufigkeit oder Seltenheit und die Neu¬ heit des Vorkommnisses, der Bildungsgrad und Bildungsgang, sowie die augenblickliche Disposition des Individuums. M. Giessler (Erfurt).