304 Litter a turbericht. Formen und Verteilen von Tonmassen, das ohne hohe Entwickelung des Gehirnes nicht zu denken ist. Mit dem Gefühl allein kommt man da nicht mehr aus. Es giebt eben verschiedene Arten, um nicht zu sagen Grade von Musik, zum mindesten wird Reproduktion (blofse Aus¬ führung) und Produktion (Komposition) zu unterscheiden sein, worauf ich an anderer Stelle wiederholt aufmerksam gemacht habe. An solche Unterschiede hat Herr Ireland leider nicht gedacht und kommt schliefs- lich zu den schon wiederholt in verschiedenen Artikeln und Büchern hervorgehobenen Schlufsfo]gerungen : die musikalische Begabung gehe von beiden Hälften des Gehirnes aus, und es sei zweifelhaft, ob sie an eine bestimmte Stelle desselben gebunden sei. Sie bleibe auch nach Gehirnkrankheiten intakt (survive after brain-diseases). Das kommt nun, wie gesagt, darauf an, was man unter Musik versteht. Ich weifs keinen Fall, wo ein Komponist trotz der Folgen einer Gehirnkrankheit (es giebt deren zahlreiche berühmte Fälle) noch komponiert hätte. Wertvoll sind zwei praktische Fälle, die der Verfasser zitiert. Ein 18jähriges Mädchen, dessen Sprachstimme schwach und heiser war, hatte nichtsdestoweniger eine klare Gesangsstimme. Der Fall wurde als hyste¬ rische Aphonie bezeichnet. Ein anderer Fall betrifft einen Mann, der den Ton einer Violine nicht von dem einer Trompete (!) unterscheiden konnte. Eine derartige Klangfarbenverwechselung ist meines Wissens einzig in ihrer Art. Wallaschek (London). Richard Legge. Music and the Musical Faculty in Insanity. Journ. of Ment. Science. Vol. XL. S. 368—375. (1894.) Legge untersucht zunächst den Begriff „Musical Faculty“ und zerlegt ihn in folgende Bestandteile: 1. relatives und absolutes Tongedächtnis; 2. emotionale Empfänglichkeit für den Einflufs der Musik; 3. Fertigkeit im Gesang und Spiel von Instrumenten; 4. Kompositionstalent. Diese Zerlegung scheint mir nicht ganz glücklich, zumal der Verfasser nicht sagt, ob er alle vier Bestandteile oder etwa nur einen als zur musika¬ lischen Befähigung genügend erachtet. Keine der beiden Möglichkeiten läfst sich ohne weiteres bejahen; so steht das absolute Tongedächtnis in keinem direkten Verhältnis zur musikalischen Befähigung, auch nicht zum Kompositionstalent. Einige unserer gröfsten Sänger sind unmusi¬ kalisch. Andererseits ist das relative Tongedächtnis in der Fertigkeit in Spiel und Gesang inbegriffen. Noch problematischer ist die weitere Bemerkung, dafs ein musikalisches Gehör (ear for music) immer vor¬ handen sei, „wenn man darunter die Fähigkeit versteht, zwischen hohen und tiefen Tönen zu unterscheiden“. Kennt denn der Verfasser die Ton¬ taubheit nicht? „Wo ein musikalisches Gehör vorhanden ist,“ heifst es weiter, „da giebt es auch einen Sinn für Rhythmus“. (369.) Nun heifst musikalisches Gehör jedenfalls etwas ganz anderes als oben, aber was? „Eine Person, die kein Gehör hat (with no ear), kann wahrscheinlich sagen, welcher von zwei ihr vorgespielten Tönen der höhere ist, aber sie wird eine geringe oder gar keine Vorstellung haben von dem Intervall zwischen beiden.“ Die Kenntnis des Intervalls ist jedoch nicht blofs Sache des Gehörs, sondern des Studiums und der Übung. Wie soll