Skizze einer Willenstheorie. Von Gr. Simmel. Die Entwickelung des bewufsten und vemunftmäfsigen Willens, sowohl in der Gattung wie im Individuum, läfst man in der Regel von dem „Triebe44, als ihrer ersten Stufe, ausgehen. Dieselbe Kraft, die sich im Willen darstellt, scheint ihre primi¬ tivste Äufserung als Trieb zu gewinnen. Jedenfalls ist die Einsicht in das Wesen des Triebes eine Brücke zum Ver¬ ständnis des Willens. Der Trieb erscheint uns als die Ursache bestimmter Hand¬ lungen, der Geschlechtstrieb als Ursache der Begattung, der Ernährungstrieb als Ursache des Aufsuchens und Aneignens der Nahrung. Um diese Vorstellung zu prüfen, mache man sich zunächst klar, dafs z. B. die Aufnahme der Nahrung, ja selbst die Nahrungssuche, auf die der Trieb führen soll, statt¬ finden können und auf niederen Stufen thatsächlich stattfinden, ohne dafs der psychische Vorgang des Triebes dabei voraus¬ gesetzt werden darf, z. B. bei der Ernährung des Embryos, bei Meertieren, denen die Nahrung zufliefst, bei der Atmung, die doch auch als eine Ernährung anzusehen ist und erst, wenn sie einmal behindert ist, als Trieb bewufst wird. Wenn zur physischen Erhaltung eines Wesens Ernährung nötig ist, so sorgt die natürliche Zweckmäfsigkeit, die allenthalben die Be¬ dürfnisse und Funktionen der Organe in Übereinstimmung gebracht hat, schon dafür, dafs das Aufsuchen und Aufnehmen der Nahrung stattfindet. Bei gewissen niederen Meertieren, z. B. den Radiolarien, geht die Körpermasse abwechselnd in eine Anzahl von Fäden auseinander, die sich hin- und her¬ bewegen. Kommt nun zufällig ein verdaulicher Stoff in Be¬ rührung mit diesen, so umschliefsen sie ihn sofort, wie durch