70 Litteraturberich i, beweisend diese Versuche sind. Man sehe nur einmal das S. 252 wieder¬ gegebene Gespräch. Der Autor fragt die Hysterische, welcher in¬ zwischen ihre Empfindlichkeit wiedergegeben ist, ob sie nichts em¬ pfunden hat, als er ihr den Tod ihrer Mutter ankündigte: Non, me répond-elle, je ne l’aimais plus. — Alors, quand je t’enlève ta sensibilité, tu n’aimes plus personne? Non. pas même moi. puisque je ne sens plus rien. Es ist völlig deutlich, dafs die Gefragte nur der Suggestion gehorcht. Sie empfindet nichts, weil sie nichts empfinden soll. Sollier aber mutet seiner Patientin zu, dafs sie den Unterschied zwischen Gefühl und Empfindung, den bekanntlich die Psychologie erst seit hundert Jahren klar erkannt hat, mache, obwohl doch der Sprachgebrauch beides fort¬ während durcheinanderwirft. Solliers Versuche sind also nicht danach angethan, die schwer¬ wiegenden Gründe, welche W4jndt, Lipps, Lehmann etc. gegen Dange und James ins Feld geführt haben, irgendwie zu erschüttern. Zum Schlufs giebt der Verfasser einige Spekulationen über Gehirnlokalisation der Muskelempfindungen und Gefühle. J. Cohn (Berlin). F. Batth. Le sentiment et l’analyse. Rev. philos. Bd. 37. S. 499—513. (Mai 1894). Verfasser erörtert das Verhältnis der analysierenden Verstandes- thätigkeit zur Stärke einer Leidenschaft. Je nach den begleitenden Umständen kann dieselbe die Gemütsbewegung schwächen, verstärken oder verwirren. Letzteres findet öfters bei den modernen dilettantisch psycho- logisierenden Schriftstellern statt und wird vom Verfasser auf einen Mangel an Koordination unter den sonst gut entwickelten geistigen Fähig¬ keiten zurückgeführt. Bauh versucht dann für die Verschiedenartigkeit der Wirkungen der verstandesmäfsigen Analyse auf das Gefühl eine Erklärung zu geben, welche indessen kaum mehr ist, als eine Umschreibung des Thatbestandes. J. Cohn (Berlin). Hiram M. Stanley. A Study of Fear as Primitive Emotion. Psychol. Rev. Vol. I. No. 3. S. 241—256. (1894.) Wie Verfasser aus evolutionistischen Gründen die Unlust als das ursprüngliche Gefühl ansieht (Philos. Rev. Bd. I. S. 433), so stellt er hier die Furcht als die ursprünglichste Emotion hin. Furcht besteht nicht in dem Wiederaufleben früherer Unlustgefühle, sondern in der Ver¬ knüpfung derselben mit einem Objekte. Auch hat der eigene Unlust¬ charakter der Furcht nichts mit dem der gefürchteten Schmerzen zu thun (sonst müfste nämlich die Furcht vor Kälte sich von der Furcht vor Bestrafung in ihrer Unannehmlichkeit qualitativ ebenso unterscheiden, wie Kälte von der Bestrafung), vielmehr enthält die Furcht eine Unlust sui generis. Die Funktion der Furcht in der Entwickelung des organi¬ schen Lebens ist eine ökonomische: sie ermöglicht, einer grösseren direkten Unlust zu entgehen und dafür eine geringere indirekte zu