Litteraturbericht. 53 an eine durchgängige — nicht blofs gelegentliche — Vergleichung gegangen wäre. Wer sich die Mühe giebt, die Entwickelung eines Kindes während mehrerer Jahre zu verfolgen, wird ja ohnehin Bücher, wie das PitEYERSche, eingehend zu Kate ziehen, wie dies denn die Ver¬ fasserin offenbar auch gethan hat. Weshalb kommt das aber in der Darstellung des zweiten Teiles nicht besser zum Ausdruck, sei es nun, dafs Übereinstimmungen und Abweichungen festgestellt würden, sei es, dafs auf Lücken in der bisherigen Beobachtung aufmerksam gemacht und das hierher gehörende Material eingetragen würde? Wollten berufene Hände auf dem Gebiete der Kinderpsychologie in dieser Weise arbeiten, so würden wir aus der „poussière“ bald heraus sein, ohne dafs den „détails“ Abbruch geschähe. Diese müfsten sich der Hauptsache nach zu einer pragmatischen Psychologie des normalen Kindes verdichten, und das Übrige würde sich nach pathologischen und anderen Gesichtspunkten all¬ mählich von selbst gruppieren. Wir geben nun aus den „notes“ einige bemerkenswerte Einzelheiten an. Was den Gesichtssinn betrifft, so zeigte das Kind im dritten Jahre noch keine Empfindung für Harmonie und Disharmonie der Farben. Das Nachsprechen von Wörtern, wie „Papa“, lernte es mit 149 Tagen durch Nachahmung der Lippenstellung, ein Umstand, der für Geigers Theorie vom Ursprung der Sprache von Bedeutung zu sein scheint. Wenn ihm Wörter vorgesprochen wurden, so hatte es nur Interesse für die Bewegung der Lippen bei Sprechenden; auf den Laut achtete es anfänglich nicht. Hinsichtlich des Gehörs ist zu erwähnen, dafs das Kind nicht musi¬ kalisch veranlagt war. In seinem Gesänge will die Verfasserin grofse Ähnlichkeit mit primitivem Negergesang erkannt haben. Auffällig ist bei dem Kinde der Mangel an Gefühl für Khythmus. („After the thirtieth month she became averse again to repeating rhymes, soon forgot them all and did not recover them. The rhythm of these verses seemed to give her no help in remembering them; and so far from preserving metre if she marred the sense, as some children do, she would constantly hold to her memory of the meaning, at any cost to the metre.“) Die Arbeit von Chrisman erstreckt sich auf den Zeitabschnitt von l\/2 bis 2V2 Jahren. Die Beobachtungen sind nicht so sorgfältig an¬ gestellt, wie bei Shinn, und der Bericht geht nicht so ins Einzelne. Was über die Entwickelung der Sinne gesagt ist, enthält nichts Bemerkens¬ wertes, aufser dafs das Kind am Zucker erst spät Geschmack fand, auf Wohlgerüche versessen war und wenig Hautempfindlichkeit besafs. Es spielte nicht gern mit anderen Kindern, dagegen sehr gern allein, hatte grofse Furcht vor allerlei Tieren, sogar vor Bildern, welche Tiere darstellten, vor Schatten und dergleichen. Auch litt es während der Nacht an schreckhaften Träumen. Aus dem Berichte gewinnt man den Eindruck, dafs es sich hier um ein in leichtem Grade pathologisch ver¬ anlagtes Kind handelt; wenigstens erklärt sich unter diesem Gesichts¬ punkte manches, wofür der Verfasser vergeblich nach einer Erklärung sucht. Ufer (Altenburg.)