Taine und die Culturgeschichte. Von Julius Zeltler. Leipzig. I. Zu den Männern, die im 19. Jahrhundert die Culturgeschichte, ihre Auffassung und ihre Methode wesentlich gefördert haben, gehört auch Taine. Seine vielseitigen Studien auf den verschiedensten Feldern der Wissenschaft, die keineswegs dem Naturerkennen allein gewidmet waren, befähigten ihn ganz besonders für die Geschichte. Gleich seine erste Arbeit, der »Essay sur Tite Live«, die von der französischen Akademie, allerdings nicht unbeanstandet, mit einem Preise ausgezeichnet wurde, ließ in dem eigenthümlichen Verfahren eine Fortbildung der Methode erkennen. Taine schilderte in Livius einen Historikertypus, der in der Geschichte nicht selten ist. Er charakterisirte ihn als einen »oratorischen« Geschichtschreiber, indem er ihn mit dem »philosophischen« Thukydides und dem »praktischen« Tacitus verglich. Er betonte das vorwiegend rhetorische Wesen seines Geistes und meinte, Livius sei »kein guter Historiker,' weil er die Feder als Redner führe«. Titus Livius war ihm nur in jenen Er¬ eignissen exact, an denen er selbst theilgenommen oder die er wenigstens beobachtet hatte. Taine hielt überhaupt dafür, dass man die Geschichte am besten schreibt, deren Zeitgenosse man ist. Man kann ihm jedoch entgegenhalten, dass Macaulay, Fox, Gibbon, Montesquieu auch große Redner waren und trotzdem große Ge¬ schichtschreiber wurden ; unbeschadet ihrer oratorischen Talente legten sie starken Werth auf Quellenstudium und Quellenkritik.