Li tteraturbericht. 435 letztere darin besteht, dafs der Befallene die Schriftzeichen nicht mehr erkennt. Das Wesentliche des Krankheitsbildes ist folgendes: D., 21 J. alt, Drechsler, wird als Soldat bei der Melinitbereitnng beschäftigt, was ihm Unwohlsein nnd Erbrechen erregt. Plötzlich stellt sich Schwindel nnd Aphasie ein, beide schnell nnd vorübergehend, aber öfter sich wieder¬ holend. Pat. erhält einen halbjährigen Urlaub, während dessen er sich wohl befindet. Wieder in Dienst, leidet D. an heftigem Kopfschmerz und aphasischen Anfällen; vermag weder zu lesen, noch zu schreiben, stammelt beim Sprechen, kommt in die CHARCoTSche Klinik, wo man aufser Retinitis duplex, Hemiopie und Diplopie rechterseits infolge von Lähmung des Nervus abducens, keine weiteren Organstörungen, keine Beeinträchtigung der Intelligenz findet. Auch Seelenblindheit ist nicht anzunehmen, denn D. nennt unverweilt die Gegenstände, die man ihm zeigt. Nur Wortblindheit und vor allem Agraphie sind vorhanden. Bisweilen zwar liest er zehn Worte hintereinander korrekt, bisweilen stockt er schon beim dritten. Zu schreiben aber — mit Ausnahme seines und seines Vaters Namen, die gleichlautend sind — vermag er nicht, weder spontan noch unter Diktat, sogar dann nicht, wenn er ein Wort richtig gelesen hat; bei einzelnen Buchstaben und Zahlen gelingt es ihm eher, ebenso wenn er eine Vorschrift kopieren soll. Die Zahlen addiert und subtrahiert er ganz richtig. — Schliefslich starb Patient unter heftigsten Kopfschmerzen und Hyperästhesie der linken Körper¬ hälfte, vollständig erblindet, im Coma ohne Konvulsionen und Bewegungs¬ störungen. Die Sektion ergab ein umfangreiches Gliom der linken Grofshirnhemisphäre, das kleiner an der Oberfläche, den Pli courbe,1 in der Tiefe gröfser, den unteren Teil des Lobulus quadratus umfafst und zerstört hat. — Der Befund erklärt die Wortblindheit und die Hemiopie. Überdies spricht die Integrität des Fufses der zweiten Stirnwindung — wohin Exner, Charcot, Marie u. a. m. das selbständige Schreibzentrum verlegen, — dafür, dafs der Fall zu den Fällen von sensorieller Agraphie infolge von Wortblindheit gehört. Fraenkel. E. L. Fischer. Theorie der Gesichtswahrnehmung. Untersuchungen zur physiologischen Psychologie und Erkenntnislehre. Mainz, Franz Kirchheim. 1891. XVI und 392 S. Die vorliegende Arbeit ist wesentlich erkenntnis-theoretischen Fragen gewidmet; die Gesichtswahrnehmungen spielen dabei keine andere Polle, als dafs an ihnen das exemplifiziert wird, was der Verfasser über den Begriff und den Erkenntnis wert der sog. äufseren Wahrnehmung über¬ haupt zu sagen hat. Scheint mir so der Titel nicht recht dem Inhalte zu entsprechen,2 so mufs ich es andererseits für bedenklich halten, wenn 1 Lobulus parietalis inferior. Pansch. 2 Dem Verfasser ist diese Diskrepanz selbst aufgefallen. In der Vorrede bemerkt er (pag. X), es hätte dem Inhalte besser entsprochen, wenn er den Titel „Zur Theorie der Sinneswahrnehmung, speziell der Gesichts- perception11 gewählt hätte. 28*